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Rezension: Sachbuch : Leichtes klar und Schweres dicht

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Melancholische Expertin: Alice Villon-Lechner versteht das Unglück

          Nach außen hin schien sie vom Glück verwöhnt: Sie war mehr als hübsch und klug, zudem finanziell gesichert und weltläufig in heute seltenem Maß. Als Übersetzerin, Essayistin und Kritikerin - auch für diese Zeitung - hatte sie sich bald unter Kennern Achtung erworben. Alice Villon-Lechner durfte es sich erlauben, über Themen ihrer Wahl zu schreiben, nicht zuletzt über schreibende Frauen. Einige ihrer Schriftstellerinnenporträts liegen nun in einem Band gesammelt vor, den Martin Meyer mit einem schönen Gedenkblatt versehen hat. Die "Five Unserious Ladies", so der Titel des Buches, heißen Katherine Mansfield, Hilda Doolittle, Jean Rhys, Djuna Barnes und Dorothy Parker.

          Wirken die frühen Stücke noch ein bißchen mit Bildungsgut befrachtet, kostbare Worte und Zitate sind über sie wie Goldbrokat gebreitet, so sollte sie später diesen Ballast unbekümmert abwerfen, ohne dabei aber auf die Vorzüge der Gelehrsamkeit verzichten zu müssen. Die Freude am spielerisch genauen Formulieren, das Changieren zwischen den Sprachen und trockener Witz machen die Lektüre zum Genuß. "Scotch Whisky war ihr liebster, weil portabler Freund", sagte sie etwa, völlig frei von Häme, Dorothy Parker nach. Und in wenigen, durchaus musikalischen Zeilen wurde Djuna Barnes' OEuvre auf den poetisch chiffrierten Begriff gebracht: "Divertimentos hier, Lamentationen dort, Pointe neben Rätsel; das Leichte und das Schwere, das Klare und das Dunkel-Dichte, oft auch in eins, das wird ihr Muster, der Januskopf ihr Zeichen." Wer solches kann, kann sehr viel.

          Gemeinsam ist sämtlichen Texten jedoch ein Ton der durch Eleganz gemilderten Trauer. Was Alice Villon-Lechner vor allem interessierte, war das Scheitern, waren die Parabeln vom mißglückten Leben, dem dennoch große Kunst entsprang. Mit außerordentlicher Empfindsamkeit spürte sie den Ängsten und Selbstzerstörungszwängen ihrer Heldinnen nach. Sie feierlich bloß als Opfer einer Männergesellschaft zu beklagen war die Autorin wohl zu stolz und gewiß zu intelligent. Indes hatte das intime Verstehen von seelischer Not und Bedrängnis, von Depression und Verzweiflung schmerzlichen Preis: Alice Villon-Lechner ist selbst Expertin in Melancholie gewesen, sie wußte aus eigener Erfahrung, wovon sie sprach. Im Alter von erst neunundreißig Jahren war ihr auf Erden nicht mehr zu helfen. 1993 ging sie in den Zürcher See und kehrte nicht wieder. ULRICH WEINZIERL Alice Villon-Lechner: "Five Unserious Ladies. Fünf Porträts". Verlag Pakesch und Schlebrügge, Wien 1995. 74 S., br., 26,- DM.

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