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Rezension: Sachbuch : Lehrstuhlinhaber, ruhig Blut!

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Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? In der Wissensgesellschaft weiß man, daß es sich genau andersherum verhält: Nicht das Wissen, sondern das Nichtwissen macht heiß. Es mehren sich soziologische Publikationen, die systematisch die Erzeugung und Wahrnehmung wissenschaftlichen Nichtwissens untersuchen ...

          3 Min.

          Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? In der Wissensgesellschaft weiß man, daß es sich genau andersherum verhält: Nicht das Wissen, sondern das Nichtwissen macht heiß. Es mehren sich soziologische Publikationen, die systematisch die Erzeugung und Wahrnehmung wissenschaftlichen Nichtwissens untersuchen und insoweit eine anregende Travestie der bisher vornehmlich an der Wissensproduktion ausgerichteten Wissenschaftsforschung darstellen. Natürlich gab es auch früher schon Versuche, auf die eine oder andere Art die soziologische Aufmerksamkeit fürs Nichtwissen zu wecken. Doch geschah dies durchweg in der eingeschränkten Perspektive eines "Noch-Nicht-Wissens" und gerade nicht in der Totalen eines prinzipiell unvermeidbaren und unaufhebbaren Nichtwissens. Man denke an Georg Simmels Soziologie des Geheimnisses, Robert Mertons Beschäftigung mit den nichtantizipierten Handlungsfolgen, Karl Poppers Fallibilismusthese, bei der es freilich ebenfalls nicht darum geht, daß wir über kein Wissen, sondern daß wir über kein sicheres Wissen verfügen. Demgegenüber treten nun zunehmend Untersuchungen in der Vordergrund, seien sie wirtschaftstheoretisch oder sozialphilosophisch inspiriert, die die erkenntnistheoretische Fragestellung radikalisieren und wissenschaftspolitisch fruchtbar machen wollen. Wie der institutionelle Wandel einer Wissenschaft aussieht, die ihre Grenzen zur gesellschaftlichen Umwelt zunehmend verflüssigt sieht, betrachtet ein von Helga Nowotny, Peter Scott und Michael Gibbons herausgegebener Sammelband ("Re-Thinking Science". Knowledge and the Public in an Age of Uncertainty. Polity Press, Oxford 2001. 288 S., br., £ 14,99). Im Zentrum stehen Fragen nach dem Autonomiebegriff einer Wissenschaft, die in dem Umfang, in dem sie in andere Gesellschaftssysteme vordringt und diese "verwissenschaftlicht", umgekehrt von den Kriterien dieser Bereiche abhängt - Bereichen der Lebenswelt, die als solche Zonen ständig erzeugter Unbestimmtheit sind und nun mit dem ihnen eigenen Nichtwissen die Modelle wissenschaftlicher Wissensproduktion beeinflussen. Peter Wehling weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß Nichtwissen, obwohl zumeist in den "Risikodiskursen" moderner Gesellschaften thematisiert, nicht einfach mit Risiko identisch ist. Nichtwissen umreiße vielmehr Bereiche jenseits der bekannten, abschätzbaren Risiken, es hält potentielle Überraschungen bereit, die eine durch Risikokalkulationen konstituierte Erwartung gerade überschreitet und sprengt. Im Grunde klingt hier Luhmanns Auffassung des Nichtwissens als dem "Letztsymbol" der Unbeobachtbarkeit und Unsichtbarkeit der Welt an, seine These von der "Kontingenz des Einsatzes aller Unterscheidungen". Tatsächlich sieht es so aus, als könne die Sprengkraft des Nichtwissens noch am ehesten von der systemtheoretischen Position reflektiert werden. Sie hält die Problematik für "kognitiv unlösbar" und vertritt vor dem Hintergrund ihrer erkenntnis- und kognitionstheoretischen Prämissen mit Luhmann die Ansicht, daß "Transparenz unproduktiv wäre". Der Aufschrei kommt nun ausgerechnet von Peter Wehling, der doch als engagierter Fürsprecher des Nichtwissens hervorgetreten war. In einem Aufsatz für die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift für Soziologie ("Jenseits des Wissens?" Wissenschaftliches Nichtwissen aus soziologischer Perspektive. Lucius & Lucius Verlag, Stuttgart 2001) schreibt Wehling, die systemtheoretische Konzeption eines prinzipiell unhintergehbaren Wissens drohe die wissenschaftssoziologische Bedeutung der Problematik zu "verfehlen", die generalisierte Nichtwissens-Hypothese laufe Gefahr, "wissenschaftssoziologisch und wissenschaftspolitisch folgenlos zu bleiben". Schließlich könne man doch von niemandem verlangen, sich durch das Eingeständnis eines so radikalen Nichtwissens, wie Luhmann es konzipiert, die "jeweils eigene Kompetenz, Zuständigkeit und Machtposition unterminieren" zu lassen. Zutreffend scheint Wehling den unmarked space als Vorschein des horror vacui zu deuten. Aber warum will er Luhmann als den Überbringer der Botschaft für die Botschaft verantwortlich machen? Wehling, ruhig Blut: Sie müssen nicht gleich Ihren Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Augsburg räumen, nur weil nicht alles, was glänzt, Wissen ist. So war das mit dem institutionellen Wandel doch nicht gemeint. Lassen Sie sich Ihre Machtposition durch nichts und niemanden unterminieren! Von Ihrem Einsatz für kompetente Unterscheidungen will Sie um Luhmanns Willen keiner abbringen! Jedoch: warum es nicht ein wenig den antiken Kaisern der römischen Wissensgesellschaft gleichtun? Luhmann will doch gar nicht mehr, als Ihnen ab und an ins Ohr flüstern zu dürfen: Lehrstuhlinhaber, gedenke, daß du ein Sterblicher bist!

          CHRISTIAN GEYER

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