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Rezension: Sachbuch : Laßt Blüten sprechen

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James Buchans Geschichte der Geldwirtschaft / Von Bernd Eilert

          Wenn man recht viel lernen kann aus einem Buch, so muß das noch nicht unbedingt für seine Qualität sprechen, sondern zunächst gegen Leser wie mich, die sich, sei es aus einem gewissen Mangel an Interesse, sei es aus ungewissem Schamgefühl, bisher kaum beschäftigt haben mit seinen Grundfragen: Was ist Geld? Was bewirkt es? Was ist davon zu halten?

          James Buchan liefert schon im Titel seiner Untersuchung über "Unsere gefrorenen Begierden" die erste Definition des Geldes. Im Text folgen weitere, selbst formulierte und zitierte, und zwar so viele, daß ich immer noch nicht genau weiß, was Geld eigentlich ist: Preis der Freiheit oder Verhinderer der Gleichheit? Billiger Religionsersatz oder teure Illusion? Wertaufbewahrungsmittel oder das Maß aller Dinge? Der Stoff, der unsere Träume wahr macht, oder selbst nur ein Albtraum? Der gute Zivilisator dieser Welt oder der böse Destruktor jeder menschlichen Beziehung?

          Was das Geld nicht ist, ahne ich jetzt zumindest: Es ist nicht einfach zu verstehen. Buchan entzieht es jeder endgültigen Theorie, und selbst sein Ursprung bleibt im ungewissen. Darin gleicht es der Kunst, der Sprache und der Religion. Folgerichtig sind die Beziehungen zwischen Geld und Kunst, das Verhältnis von Geld zu Sprache und die Rivalität zwischen Geld und Religion wiederkehrende Motive in Buchans Buch. Gleich zu Anfang stellt er die Frage, was eher da war: die Sprache oder das Geld? Eine Antwort gibt es nicht, nur den Hinweis, daß bereits auf den ältesten Schrifttafeln von Geld die Rede ist. Aufschlußreicher sind Buchans Streifzüge durch Literatur und bildende Künste: Wie er im bargeldlos reisenden Ritter Don Quichotte letztlich ein Opfer der Entdeckungen des Kolumbus ausmacht und ihn als Vertreter des durch Überfluß verarmten Spaniens auftreten läßt, ist ebenso verblüffend und einleuchtend wie die Charakterisierung Raskolnikoffs als tödlich konsequenter Vollstrecker aller Volkswirtschaftslehren seit Adam Smith, die der bürgerlichen Habsucht ein allzu menschliches Tugendmäntelchen umhängen wollten. Die Nationalökonomie ist für Buchan keine Wissenschaft, sondern durchweg metaphysischer Natur. Ihre Thesen sind deshalb ebensowenig zu widerlegen wie zu beweisen, obwohl er gerne einräumt: "In den zwei Jahrhunderten nach Smith wurde mehr intellektuelle Kraft damit vertan, sein Glaubenssystem zu objektivieren, als man in irgendein anderes der Geschichte investiert hat, mit Ausnahme der Unsterblichkeit der Seele und der Rentabilität der zivilen Nutzung der Kernenergie."

          Buchans Helden sind die großen Spekulanten der Finanzgeschichte von seinem schottischen Landsmann John Law, der zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts "für ein paar Monate reicher" war "als irgend jemand vor ihm - und nach ihm", bis hin zu dem Amerikaner Michael Milken, der sich 1986 angeblich ein Jahresendgehalt von 550 Millionen Dollar genehmigte und auf dem Höhepunkt seines Wahns anbot, "mit Hilfe seiner wertlosen Sicherheiten die Schulden der lateinamerikanischen Staaten zu refinanzieren - mit anderen Worten, zum alleinigen Kreditgeber des halben Erdballs zu werden". Was Buchan an solchen Männern schätzt, ist nicht ihr zwischenzeitlicher Erfolg, sondern das Visionäre ihrer Spekulationen, das sie zum Scheitern verurteilt.

          Und ist Buchan selbst nicht ebenso romantisch veranlagt? Einige pathetische Stilblüten weisen darauf hin, und der Verdacht erhärtet sich, je länger man liest: Er feiert die ökonomische Leichtfertigkeit des Dandys genau wie die Verantwortungslosigkeit des Hasardeurs, Karl Marx wird bei ihm zu einer Art Dostojewski-Figur, und selbst in Hitlers Wesen findet er neben gewalttätigen noch romantische Züge. Er trauert nostalgisch der geldverachtenden Ethik der Antike nach, und wenn er zunächst im Evangelium des Matthäus scharfsinnig herausliest, wie selbst die Erzählweise sich beschleunigt, wenn schnöder Mammon ins Spiel kommt, "als erkenne Jesus im Geld eine rivalisierende Autorität", so ist er am Ende doch voller Mitgefühl für "das Leid Jesu am Kreuz", das "dem Tod seiner Lehre galt", die abgelöst wird vom Glauben an die Allmacht des Geldes.

          Insofern muß auch Buchans im Vorwort erklärte Absicht, sich endgültig Klarheit zu verschaffen über seine vielfach gespaltene Beziehung zum Geld, und zwar "ohne den Aufwand und die Kosten einer Psychoanalyse", letztlich scheitern. Was bleibt, sind ein Dutzend zum Teil sehr gelungener Essays über Teilaspekte des Umgangs mit Geld, darin verstreut biographische Notizen zum Leben einiger Männer, die in Theorie oder Praxis damit umgegangen sind, hellsichtige Deutungen einiger Kunstwerke, die sich damit beschäftigen, und eindrückliche Schilderungen aus der Geschichte des Geldes von seiner vorsichtigen Einführung im feudalistischen Japan und der großen Tulpenspekulation zu Amsterdam bis hin zur zynischen Wiedereinführung einer sogenannten "Geldwirtschaft" durch die SS in Theresienstadt und dem Versuch der Roten Khmer, in Kambodscha das Geld ganz abzuschaffen.

          Am Ende verliert sich auch Buchan in Prophezeiungen, die so düster klingen wie bei allen professionellen Propheten, doch wie jeder gescheite Prophet läßt sich auch dieser zeitlich nicht festlegen: Einmal, so sagt er voraus, "wird auch das Zeitalter des Geldes, das nach dem des Glaubens einsetzte, selbst zu Ende gehen, wie alle Dinge unter der Sonne". Und dann: Gute Nacht.

          James Buchan: "Unsere gefrorenen Begierden". Was das Geld will. Aus dem Englischen von Angela Praesent und Peter Torberg. DuMont Buchverlag, Köln 1999. 350 S., geb., 39,80 DM.

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