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Rezension: Sachbuch : Kutschfahrt im Schläferhirn

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Im Traum muß heftig gearbeitet werden. Vom Surrealisten Saint-Pol-Roux geht die Fama, er habe abends ein Schild "Le poète travaille" vor sein Zimmer gehängt. Weniger gelassen fiel der Schichtdienst des Büroangestellten Franz Kafka aus, in dessen Zeiteinteilung das Schreiben die Stelle des Nachtschlafs einnahm.

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          Im Traum muß heftig gearbeitet werden. Vom Surrealisten Saint-Pol-Roux geht die Fama, er habe abends ein Schild "Le poète travaille" vor sein Zimmer gehängt. Weniger gelassen fiel der Schichtdienst des Büroangestellten Franz Kafka aus, in dessen Zeiteinteilung das Schreiben die Stelle des Nachtschlafs einnahm. "Träumen, ohne zu schlafen" hieß die Formel seines selbstauferlegten Martyriums. Prousts "Recherche" setzt jener Übergangsphase des träumerischen Halbschlafs ein Denkmal, der viele Poeten besondere Inspirationskraft zutrauen. In Goyas "Capricho" von 1798 entsteigen dem im Schlummer gebeugten Haupt gespenstische Fratzen, in der Kupferstichfassung Eulen und Fledermäuse: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer."

          Für den Würzburger Literaturgeschichtler Peter-André Alt gibt dieser Schlaf Anlaß zur unermüdlichen Sichtung von Quellen und Belegstellen. Im Streifzug durch die wechselvollen Beziehungen zwischen Literatur und Traum werden Hunderte von Autoren und Werken erwähnt, die von der antiken Philosophie bis in die Moderne reichen. Als "literarische Kulturgeschichte" will Alt seine Studie verstanden wissen. Ihr sachliches Interesse richtet sie weniger auf die kulturelle Dynamik des Traumes als auf die anthropologische und philosophische Diskussion des Leib-Seele-Zusammenspiels. Erörtert werden nicht visionäre Tagträume oder kollektive Phantasmagorien, sondern das psychisch wie physiologisch fundierte Imaginationsgeschehen des schlafenden Individuums. Was die Traumarbeit produziert, sind rasch zerplatzende Luftblasen, die man freilich in unterschiedlichem Licht betrachten kann. So lassen sich Träume als Schäume abtun - oder als "Champagner" genießen, wie E. T. A. Hoffmann einer vernunftbeflissenen Aufklärung entgegenhielt. Ihrem Chronisten sind Träume weder Sekt- noch Seifenbläschen, sondern hochverdichtete, nur platz- und zeitraubend auseinanderzulegende Sinnklumpen. Jean Paul wußte: "Eine verträumte Nacht braucht mehr als einen erzählenden Tag."

          Die Geschichte des Traums ist die seiner künstlerischen Auftritte und gelehrten Auslegungen. Nicht als schlafendes und träumendes Wesen unterscheidet sich der Mensch vom Tier, sondern als dasjenige, welches seine Träume zu verbalisieren vermag. Erst Mitteilung, Kommentierung und Deutung macht den Traum zum Traum, so Alt. Mit Freud wuchs der Forschung die Einsicht zu, daß die Ordnung des Traums mit jener der Sprache korrespondiert. Sinnstiftend sind nicht einzelne Bilder, sondern die Gesetze ihrer Verknüpfung.

          Das nachträgliche Protokoll des Geträumten aber gelingt nur mangelhaft. Hier liegen Vorteile bei der Literatur, die sich auf dem Terrain der Fiktionen zu Hause fühlt. Wie die Dichtung hat der Traum mit Illusionen zu tun, weil er das Abwesende oder Unmögliche als gegenwärtig vor Augen stellt. Anders als die Protagonisten einer kulturwissenschaftlichen Germanistik beharrt der Autor auf dem - freilich ahistorisch generalisierten - Sonderstatus der "Dichtkunst". Eingebettet in die Nachzeichnung des gelehrten Wissens vom träumenden Menschen, dominiert bei Alt die stoff- und motivgeschichtliche Auswertung literarischer Werke, in denen geträumt oder über den Traum reflektiert wird.

          Wichtige Bestandteile dieses Wissens gehen auf die Antike zurück. Die Überzeugung etwa, daß den Menschen im Traum Botschaften göttlicher Mächte zugespielt werden: Davon künden die Orakelträume in Tragödien und die barocken Wahrträume des Herrschers vom baldigen Sturz. Die Diätetik warnte vor ausschweifender Lebensweise, sie führe zu erregten Träumen. Mit Artemidors spätantikem "Oneirokritikon" fand die Traumkunde erstmals ein zusammenfassendes Lehrbuch. Während die hermeneutisch-divinatorische Seite dieses Wissens erst in der Psychoanalyse wieder methodischen Boden gewann, hielt sich bis zur Renaissance die Ordnung der Träume und Träumer gemäß dem Schema der Humoralpathologie. In dieser Typologie träumt der Choleriker vorzugsweise von Feuersbrünsten, der Melancholiker dagegen von dunklen Erdwinkeln und so fort.

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