https://www.faz.net/-gqz-6pie0

Rezension: Sachbuch : Küchengeheimnisse des Erzählens

  • Aktualisiert am

Kunst der Nuancierung: Hanjo Kestings Essays zur Literatur

          Was fürs Radio gut ist, muß nicht für das Buch gut sein. Hanjo Kesting aber hält seine siebzehn Essays zur europäischen und amerikanischen Erzählliteratur zwischen dem Hör- und dem Lesetext in der Waage. Geschrieben wurden diese Schriftsteller- und Werkporträts zunächst als Einleitungen oder Kommentare zu Lesereihen des Norddeutschen Rundfunks, deren Redaktion "Kulturelles Wort" Kesting leitet. "Nachlese" ist ein fast zu bescheidener Titel für diese Auslese aus mehr als fünfzig solcher Essays.

          Doch hat der Autor wohl falschen Erwartungen vorbeugen wollen. Denn unter dem Anspruch des Repräsentativen wären siebzehn Autoren der Weltliteratur aus drei Jahrhunderten eine magere Ernte. Der Autor braucht die Bereitschaft des Lesers, sich seiner Perspektive und seinen Vorlieben anzuvertrauen. Kein alter Kanon wird bestätigt und kein neuer proklamiert.

          Mit Daniel Defoes "Robinson Crusoe" läßt Kesting die "moderne europäische Erzählliteratur" beginnen, mit dem meistgelesenen Buch des achtzehnten Jahrhunderts. Abenteuerlich ist nicht nur die Geschichte des Schiffbrüchigen, sondern auch das Leben des Autors, spannend ist überdies Kestings Darstellung. Manche Erben Defoes im zwanzigsten Jahrhundert werden entdeckt. Da wäre aber auch die Erbschaft im achtzehnten Jahrhundert, die Unzahl von Robinsonaden im Kielwasser des Romans, wie etwa Schnabels "Insel Felsenburg", der Erwähnung wert gewesen.

          Wer aus der Reihe großer britischer Erzähler des achtzehnten Jahrhunderts einen weiteren vermißt, Richardson, Fielding oder Sterne, der wird durch ein farbiges Porträt Giacomo Casanovas und seiner Zeit entschädigt. Zwei Autoren und Werke vertreten die deutsche Literatur der Jahrhundertwende: Johann Gottfried Seume als "Komplementärfigur" der Weimarer Klassik und sein "Spaziergang nach Syrakus" als Gegenstück zu Goethes "Italienischer Reise" sowie das Epos "Hermann und Dorothea", heute eines der kaum noch gelesenen Werke Goethes. Kesting erklärt dieses Vergessensein als den Rückschlag gegen eine Verklärung des Epos zum "säkularisierten Gebetbuch" im neunzehnten Jahrhundert und trägt einiges vom Schutt der Rezeptionsgeschichte ab, um Goethes Darstellung einer "Bürgerlichkeit auf einer neuen, höhere Stufe" zu rehabilitieren.

          Vier Galionsfiguren zieren die amerikanische (und englische) Literatur des neunzehnten Jahrhunderts: Washington Irving, "der Pionier des literarischen Amerika" (nicht etwa Edgar Allan Poe), Herman Melville, der Autor des "Moby Dick", Bret Harte, der "Chronist des Goldrauschs", und Henry James, der den "Küchengeheimnissen des Erzählens" nachspürt. Wenn Kesting den Autor des Moby Dick als "Schriftsteller des Meeres" sogar über Homer stellt, so geht wohl doch das Gespann der Bewunderung und des Lobs mit ihm durch.

          An manchem Säulenheiligen und an mancher Ikone der Literaturgeschichte geht Kesting vorbei, gelegentlich wählt er Seitenwege. Gewiß, Prosper Mérimée wird gegen die Veroperung seiner Novelle "Carmen" (weniger durch Bizet als durch die Nachkompositionen zu seiner Oper) in Schutz genommen, als Monument stehen bleibt Flaubert, der - mit Sainte-Beuve zu sprechen - die Feder führte "wie andere das Skalpell". Aber an Zolas Stelle treten die Brüder Goncourt, und für André Gide zeugt nicht der Roman "Die Falschmünzer", sondern das Frühwerk "Die Hefte des André Walter". Die eigentliche Leerstelle des Bandes entsteht durch den Ausschluß großer Erzähler der russischen Literatur.

          Dafür feuert Kesting mit drei Essays über Thomas Mann eine Breitseite auf den Leser und führt so den Band zu einem deutschen Finale. Das wird den Thomas-Mann-Liebhaber freuen, auch wenn er Kestings Apotheose des "Erwählten" nicht nur mit Ehrfurcht begegnet. Einer der konzisesten Beiträge ist der Essay über den Dänen Jens Peter Jacobsen, dessen "Niels Lyhne" Stefan Zweig den "Werther" seiner Generation genannt hat. Als ein Knotenpunkt literarischer Strömungen und als eine Leitfigur der Literatur um die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert wird dieser "Meister" der "Nuancen" vorgestellt.

          Nuancierung ist einer der Vorzüge von Kestings Essays. Die siebzehn Beiträge reihen sich zu einer Parade der Belesenheit. Die Auswahl der Autoren und Texte ist eigenwillig, ohne je dem Kult des Exklusiven zu frönen. Seine Gewährsmänner unter den Kommentatoren der Erzähler und ihrer Werke sucht Kesting vor allem unter Schriftstellern, so verfängt er sich nicht in die Streitigkeiten der Philologen, deren Arbeiten er nutzt. Einer breiten literaturinteressierten Leserschaft sind diese Essays zugedacht. Dem entspricht ein überaus lesbarer Stil. Und wer sich von der Fülle der Anregungen nicht zur Lektüre der Werke selbst verführen läßt, ist selber schuld.

          Hanjo Kesting: "Nachlese". Essays zur Literatur. Wallstein Verlag, Göttingen 2000. 264 S., geb., 40,- DM.

          Weitere Themen

          Dichter Günter Kunert gestorben

          Im Alter von 90 Jahren : Dichter Günter Kunert gestorben

          Seine Familie wurde in der NS-Zeit verfolgt, zahlreiche Angehörige wurden ermordet. In DDR war er ein politischer Dissident. Geschrieben und gedacht hat er im Geiste Heinrich Heines. Nun ist der Dichter Günter Kunert im Alter von neunzig Jahren gerstorben.

          „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab Video-Seite öffnen

          12 Preise für Fantasyserie : „Game of Thrones“ räumt bei Emmys ab

          Game of Thrones stellt dabei den eigenen Rekord ein und konnte nach 2015 und 2016 erneut 12 Auszeichnungen verbuchen, darunter auch der Preis für die beste Dramaserie. Heimliche Gewinnerin des Abends war Phoebe Waller-Bridge, die für „Fleabag“ drei Emmys gewann.

          Topmeldungen

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Einer für alles: Aktuelle Samsung-Fernseher haben auch die Apple-TV-App installiert.

          Video-Streaming im Überblick : Was gibt es da zu glotzen?

          Netflix, Amazon, Sky und jetzt noch Apple: Video-Streaming ersetzt immer mehr das klassische Fernsehen. Das Angebot wird vielfältiger und der Zugang komfortabler.
          Stephan E. soll den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben.

          Geheimpapier : Falsche Angaben im Fall Lübcke?

          Der hessische Verfassungsschutz soll im Vorfeld mehr über Lübckes mutmaßlichen Mörder gewusst haben, als zunächst zugegeben wurde. Ein Geheimpapier belastet die Behörde.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.