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Rezension: Sachbuch : Kritischer Steilpaß auf Parmenides

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Und dieser Popper wollte im Alter zurück zu den Vorsokratikern. Er sagt, er sei Amateur, kein Spezialist; aber er kennt sich verblüffend gut aus. Ganz überrascht er seine Leser damit nicht. Schon in "Conjectures and Refutations" (zuerst 1963) hatte er die Parole "Zurück zu den Vorsokratikern" ausgegeben. Es ist ein ganz bestimmter Parmenides, den er als Meisterdenker empfiehlt: als Vorläufer des kritischen Rationalismus. Parmenides, nicht als Sprachphilosoph und schon gar nicht als Begründer der Ontologie, sondern Parmenides als Kosmologe. Der Titel der Aufsatzsammlung deutet dies an: Es geht um die Welt des Parmenides, um seine Theorie des Universums.

Die Parmenides-Deutung Poppers ist nicht so chancenlos, wie es deutschen Philosophen scheinen mag, denen man an der Wiege gesungen hat, Parmenides sei der Begründer der europäischen Philosophie des Seins. Popper kennt seine griechischen Texte recht gut, und er zeigt ein erstaunlich waches Auge für die poetischen Valeurs der vorsokratischen Philosophen, die er aus der Originalsprache neu übersetzt. Er findet bei Xenophanes und Parmenides seine Theorie wieder, alles Wissen sei Vermutung und eine Theorie sei um so besser, je anspruchsvoller sie ist und dabei selbst widerlegt werden kann. Alle Philosophie sei Kosmologie, lehrt er, und Parmenides habe großartige kosmologische Entdeckungen gemacht. Er habe als erster erkannt, daß der Mond eine Kugel ist. Daß er einmal eine kleine Sichel und einmal eine hellerleuchtete Scheibe sei, das habe Parmenides als bloßen Schein durchschaut. Das Sein des Mondes ist von diesem Wechsel unberührt; es ist unbewegt, kompakt und in vollständiger Ruhe. Dies sei der Ursprung der Theorie von dem einen, ruhenden Sein; die Ontologen hätten diese Einsicht von ihrer kosmologischen Grundlage abgelöst und damit den kritischen Rationalisten Parmenides zu einem Dogmatiker nach ihrem Bild und Gleichnis gemacht.

Bei dem Sammelband handelt es sich um eine Aufsatzsammlung mit recht verschiedenen späten Arbeiten Poppers. Sie sind glänzend stilisiert und verdienen die Aufmerksamkeit der Spezialisten. Dem Laien fällt auf: Popper sucht Vorläufer in der ältesten Zeit; in der Rückdatierung theoretischer Positionen ist er nicht zimperlicher als sein Antipode Heidegger. Er legt die Vorsokratiker so lange aus, bis etwas "kritisch Rationalistisches" herauskommt, und wundert sich dann, daß sie auch schon so gut gedacht haben wie er.

Das Schema ist zu einfach, um nicht ein Lächeln hervorzurufen. Popper ist ein großer Philosoph, aber seine Vorstellung von geschichtlicher Kontinuität ist etwas naiv, als gehe die Linie direkt von Parmenides zu Galilei, Newton, Einstein und ihm. Er wendet sich zurück in die Geschichte, aber dabei tilgt er das Geschichtliche. Es ist schlicht erstaunlich, mit welcher Unbefangenheit der gereifte Sir Popper bei Xenophanes, den er gegen Karl Reinhardt verteidigt, eine frühe Version des kritischen Empirismus entdeckt, der lehre: "Es ist alles durchwebt von Vermutung." Als habe Parmenides die Logik der Forschung studiert, lobt Popper an ihm die antisensualistische Erkenntnislehre.

Das Buch strotzt leider von Wiederholungen. Doch es entschädigt durch luzide logische Analysen und, was erstaunlicher ist, durch poetische Intuitionen. Da ist vom Mond (Selene) und Helios die Rede. Parmenides dichtet von der Sehnsucht der Selene nach Helios, und Popper übersetzt: "Leuchtend bei Nacht / Von dem Licht, das er (Helios) schenkt, / so umirrt sie (Selene, Luna) die Erde. / Immerzu blickt sie, gebannt, / Hin auf den strahlenden Gott." Poppers postumes Buch ist zusammengestoppelt und in gar manchem ärgerlich. Aber für diese Verse muß man ihn lieben. Sie sind rund und schön.

Karl R. Popper: "Die Welt des Parmenides". Der Ursprung des europäischen Denkens. Hrsg. von Arne F. Petersen unter Mitarbeit von Joergen Mejer. Aus dem Englischen von Sibylle Wieland und Dieter Dunkel. Piper Verlag, München, Zürich 2001. 480 S., geb., 69,- DM.

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