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Rezension: Sachbuch : Kriegsheld und Zehnkämpfer, Olympier und Opportunist

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Die erste fundierte Biografie des IOC-Exekutivmitgliedes und NS-Karrieristen Karl Ritter von Halt

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          Nach einer apologetischen Biografie aus dem Jahr 1936 und einer von der DDR-Sportführung inspirierten Schmähschrift aus dem Jahr 1954 liegt nun endlich eine wissenschaftlich fundierte und gut geschriebene Biografie des Sportlers, Sportfunktionärs und "Bankers" Karl Ritter von Halt (1891-1964) vor. Zu Recht als "eine der interessantesten und zugleich schillerndsten Persönlichkeiten im deutschen Sport" des zwanzigsten Jahrhunderts klassifiziert (Lennartz/Teutenberg), entzog sich der Praktiker und Spitzenfunktionär durch das Fehlen eines geschlossenen Nachlasses und geringe publizistische Aktivität lange Zeit einer abwägenden biografischen Darstellung. Auf der Basis umfangreicher Archivrecherchen gelang Peter Heimerzheim mit seiner überarbeiteten sporthistorischen Dissertation die bislang überzeugendste Rekonstruktion einer exemplarischen Sportkarriere, die vom wilhelminischen Kaiserreich bis in die Bundesrepublik Deutschland reichte, ihren markanten Höhepunkt aber in der Zwischenkriegszeit und besonders in der NS-Zeit erreichte.

          Im Gegensatz zu Carl Diem (1882-1962) und Guido von Mengden (1896-1982), die oft zusammen mit Halt als Beispiele der erstaunlichen personellen Kontinuität der sportlichen Funktionselite über die politischen Systembrüche hinweg genannt werden, begründete der junge Karl Halt seinen sportlichen und gesellschaftlichen Aufstieg durch eigene sportliche Leistungen. Von 1911 bis 1921 wurde er fünfmal deutscher Meister im Zehnkampf. 1912 wurde er Achter bei den Olympischen Spielen in Stockholm, wo er den amerikanischen Zehnkampfmeister Avery Brundage, später Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), kennen lernte. Während Diem und Mengden hauptamtlich im Sport tätig waren, gelang dem Handwerkersohn Halt ein steiler beruflicher und gesellschaftlicher Aufstieg. Als bayerischer Kriegsheld (Adelstitel durch Verleihung des Max-Joseph-Ritterordens) und als Spitzenathlet zu einer gewissen Berühmtheit gelangt, fielen ihm die ersten Karriereschritte leicht: Als Sportlehrer an der Münchener Militärsportschule materiell abgesichert, promovierte er an der Staatswirtschaftlichen Fakultät der Universität München über "Die Pflege der Leibesübungen an Hochschulen. Ein Beitrag zur regenerativen Bevölkerungspolitik". Obwohl Halt auch in seinem 1922 erschienenen Lehrbuch "Die Leichtathletik" an der gedanklichen Symbiose von sportlichen und militärischen Werten festhielt, gelang ihm im gleichen Jahr die Rückkehr in seinen erlernten zivilen Beruf. Von 1922 bis 1935 war er Personalchef des jüdischen Bankhauses H. Aufhäuser, das ihn 1928 zum Prokuristen beförderte und seine zweite Karriere als Sportfunktionär, die ihn 1929 mit 37 Jahren bis in das IOC brachte, offensichtlich mit Wohlwollen begleitete. Seine guten Verbindungen zum bayerischen Reichsstatthalter von Epp ließen ihn 1933 zu einem der Kontaktmänner des Sports zur NSDAP werden, der er - wie viele andere Sportführer - am 1. Mai 1933 beitrat. 1935 wechselte Halt zur Deutschen Bank, der ein prominentes Parteimitglied in ihrer Leitung fehlte. Seine Prominenz resultierte bis dahin ausschließlich aus seinen sportlichen und olympischen Ämtern. Neben der Präsidentschaft im Organisationskomitee der Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen zählte von Halt in seinem SA-Fragebogen von 1937 sieben weitere Vorstandsämter im Sport auf: Unter anderem war er in das IOC-Exekutivkomitee aufgerückt und Präsident des Internationalen Bobverbandes und des Internationalen Handballverbandes geworden. Mit seinem Wechsel in das Direktorium (ab 1938 Vorstand) der Deutschen Bank, die er im "Freundeskreis Reichsführer SS" vertrat, setzte trotz seiner Inaktivität auch eine steile SA-Karriere ein, die ihm schließlich den Rang eines SA-Brigadeführers einbrachte. In der Agonie des Dritten Reiches ernannte ihn Himmler 1944 zum kommissarischen Reichssportführer. Das Kriegsende erlebte er als Kommandeur des Volkssturm-Bataillons "Reichssportfeld".

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