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Rezension: Sachbuch : Krieg dem Qualm

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Robert N. Proctor über ein Kapitel der NS-Gesundheitsvorsorge

          4 Min.

          Naturwissenschaftler leben gern in der Illusion, dass ihre Unternehmen nur in freien und demokratischen Gesellschaften wirklich gedeihen könnten. In totalitären Regimen hingegen sei die Geschichte der Wissenschaft lediglich eine Geschichte der Unterdrückung "guter" Wissenschaft oder eines bloßen Überlebens in mehr oder weniger unbehelligten Nischen. Dieses idealisierende und ahistorische Bild der Wissenschaft bricht jedoch in sich zusammen, wenn man die Verbrechen, Verfehlungen und auch "Leistungen" betrachtet, die im Namen der nationalsozialistischen Wissenschaft zustande kamen.

          Eine der schändlichsten Episoden in der Wissenschaftsgeschichte ist die medizinische Forschung. Doch gehen in diesem allgemeinen Urteil einige wichtige Details unter, die nicht in das Bild von mordenden Ärzten und grausamen Experimenten in Konzentrationslagern passen und die Rolle der medizinischen Forschung im Dritten Reich weitaus komplexer erscheinen lassen. Robert Proctor, zur Zeit am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und schon 1988 mit seiner Studie "Racial Hygiene: Medicine under the Nazis" hervorgetreten, zeigt, dass Nazi-Mediziner Pioniere waren bei der Krebsvorsorge, dass sie ihren Beitrag zur Einführung von Sicherheitsstandards am Arbeitsplatz leisteten und den ersten Feldzug gegen das Rauchen führten.

          Anwendungsorientierte Wissenschaften, wie auch die Präventivmedizin, erfreuten sich im Dritten Reich besonderer Aufmerksamkeit und Förderung. Diese Disziplinen ließen sich leicht in die großen Ziele der Politik, Segregation und Vernichtung, einbinden und versprachen schnelle, sichtbare Erfolge. Wenn das Wohlergehen der arischen Rasse auf dem Spiel stand, waren Mittel für die medizinische Forschung fast im Überfluss vorhanden. Fragen der Krebsentstehung und Krebsvorsorge, die richtige Ernährung und die Gefahren des Rauchens waren Themen, die in der staatlichen Gesundheitspolitik des Dritten Reiches eine große Rolle spielten.

          Um die Jahrhundertwende und in den folgenden Jahrzehnten war die deutsche Krebsforschung führend in der Welt. Deutsche Ärzte wiesen 1895 die krebserregenden Eigenschaften von Anilinfarbstoffen nach, im Jahr 1906 gerieten Roentgenstrahlen in den Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein. Und 1907 wurde auf die Gefahren von Radon in der Luft aufmerksam gemacht. Im Dritten Reich wurden dieses Wissen und darauf aufbauende Präventivmaßnahmen oft auf eine Weise genutzt, die den Anschein von sozialer Fortschrittlichkeit und Verantwortung mit Grausamkeit bei der Durchsetzung der daraus sich ergebenden Präventivmaßnahmen verband.

          Vorsorgeuntersuchungen mit Roentgenstrahlen und anderen Geräten zählten zu den wichtigsten Waffen im Kampf gegen den Krebs. Proctor nennt das Beispiel des Kolkoskopes, eines Gerätes zur Untersuchung des Gebärmutterhalses auf Anzeichen von Krebs. Bei einem Gynäkologentreffen in Berlin im Jahr 1937 wurde dieses Gerät heftig kritisiert, weil es unpraktikabel und eigentlich nutzlos sei. Hans Hinselmann, der Erfinder, fühlte sich in den folgenden Jahren angespornt, den Wert seines Kolkoskopes zu beweisen. Zusammen mit seinem Bruder Helmut und dem Lagerarzt Eduard Wirth begann er Versuche an Insassen von Auschwitz. Oft wurde der gesamte Gebärmutterhals entfernt und zur Untersuchung nach Hamburg geschickt. Diese "Experimente" standen den bekannteren Exzessen der Lagerärzte in nichts nach und haben wohl zum Tod mehrerer Frauen geführt.

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