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Rezension: Sachbuch : Krankheit ist Anarchie

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Rosalind Cowards Polemik gegen die Mythen der Alternativmedizin

          3 Min.

          Seriöse Umfragen haben kürzlich ergeben, daß beinahe jeder zweite Bundesbürger überzeugt ist, sogenannte ganzheitliche oder alternative Heilmethoden könnten die Schulmedizin weitgehend ersetzen. Für völlig unwirksame Arzneimittel geben sie jährlich fast drei Milliarden Mark aus. Zudem glaubt mehr als ein Drittel aller Deutschen, daß bestimmte Menschen über besondere Kräfte verfügen, mit denen selbst chronische Leiden dauerhaft geheilt werden können.

          Rosalind Cowards mutige Streitschrift, die nun in einer ausgezeichneten deutschen Übersetzung vorliegt, entlarvt den Naturbegriff der Alternativmedizin und ihrer geschäftstüchtigen Propagandisten als bloßes Schlagwort. "Natur ist Gesundheit", lautet die Devise, "und Gesundheit ist Ganzheit, Balance und Harmonie. Krankheiten müssen folglich als Unordnung, Anarchie und Chaos aufgefaßt werden." Zu Recht betont die Verfasserin, daß ein solches Denken auf Vorstellungen zurückgreift, nach denen eine Dyskrasie, eine falsche Mischung der Körpersäfte, die Ursache aller Übel ist. Das bedeutungsvolle Geraune der neuen Schamanen und Gurus, die hierzulande nicht zuletzt vom Fernsehen protegiert werden, läßt keine Zweifel, daß sie sich auf die ideologischen Muster einer atavistischen Körperreligion berufen und Krankheit als selbstverschuldeten Zustand denunzieren.

          Todkranke Krebspatienten werden zu allem Überfluß auch noch mit Vorwürfen gequält, sie hätten offenbar nicht genug zur Stärkung ihrer Abwehrkräfte getan, Aids-Patienten müssen sich anhören, sie hätten mit dem sorglosen Konsum zu vieler Antibiotika ihren Körper auf eine HIV-Infektion geradezu vorbereitet, Psychotiker bekommen erklärt, sie seien die klassischen Opfer von Streß und Umweltgiften. "Man erntet, was man gesät hat": Wieweit ein Mensch seine Gesundheit erhalten oder wiederherstellen kann, hängt nach dieser Philosophie proportional davon ab, wie genau er jene Regeln befolgt, die anthroposophische Ärzte gerne mit dem hilfreichen Rat verbinden, rechtzeitig vor dem Übertritt ins Jenseits an die nächste Inkarnation zu denken.

          Nichts scheint leichter zu sein, als das Gefühl der persönlichen Verantwortung für die eigene Gesundheit durch veränderte Eßgewohnheiten zurückzugewinnen. Niemand bezweifelt ernsthaft, daß Ernährungsfehler, Rauchen und Trinken zu schweren organischen Schäden führen. Doch die Wortführer der Diätbranchen behaupten, daß mit einer entsprechenden Kost auch charakterliche Mängel beseitigt, gesellschaftliche Probleme gelöst und sogar globale Konflikte vermieden werden können. Der dümmliche Slogan "Jeder ist, was er ißt" zeigt, daß die Diskussion über Ernährungsfragen längst obsessive Züge angenommen hat.

          Erfreulicherweise befaßt sich Rosalind Coward, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Northampton, in ihrer Analyse auch mit den Auswüchsen der Psychoszene. Es überrascht nicht, schreibt sie, daß zwischen den "alternativen Therapien und einer Reihe von Psychotherapien ein reger Austausch stattfindet". Da die Bewußtseinsindustrie suggeriert, Persönlichkeit sei das Ergebnis erlernten Verhaltens, das wie eine schlechte Gewohnheit willentlich verändert werden kann, entwickelt sich ein florierender Markt, dessen Expansion von der Alternativmedizin mitgetragen wird. Das Ergebnis läuft auf eine "fröhliche Mischung von Gesundheit und materiellem Wohlergehen" hinaus.

          Leitbilder der feministischen Gesundheitsbewegung, die den Streit über die natürliche Geburt und akzeptable Formen der Empfängnisverhütung bestimmen, leben von der Illusion, primitive Völker seien der Natur in jedem Falle näher. Wer so argumentiert, erklärt Rosalind Coward, setzt sich dem Vorwurf aus, naiv und ethnozentristisch zu sein.

          Rosalind Cowards Buch wird die Gläubigen des Gesundheitskults nicht irritieren, dessen darf man sicher sein. Es wird aber denen helfen, die sich für kritische Gespräche rüsten wollen, denn "solange es Leute von hinreichend gesteigertem Dünkel gibt", schrieb der große Physiologe Hermann von Helmholtz, "die sich einbilden, durch Blitze der Genialität leisten zu können, was das Menschengeschlecht sonst nur durch mühsame Arbeit zu erreichen hoffen darf, wird es auch Hypothesen geben, welche, als Dogmen vorgetragen, alle Rätsel auf einmal zu lösen versprechen. Und solange es noch Leute gibt, die kritiklos leicht an das glauben, wovon sie wünschen, daß es wahr sein möchte, so lange werden jene Hypothesen auch Glauben finden; beide Klassen von Menschen werden wohl nicht aussterben, und der letzteren wird immer die Majorität angehören." ARMIN GEUS

          Rosalind Coward: "Nur Natur?" Die Mythen der Alternativmedizin. Eine Streitschrift. Aus dem Englischen von Thomas Linquist. Verlag Antje Kunstmann, München 1995. 240 S., br., 29,80 DM.

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