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Rezension: Sachbuch : Kommt, Kinder, schlüpft aus eurer Haut!

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Der Leser nickt beharrlich: Anthony Giddens präsentiert eine altvordere Theorie der Moderne / Von Christian Geyer

          6 Min.

          Wer ein gutes Buch schreiben will, darf bekanntlich nicht zu kurz, aber auch nicht zu lange über seinem Stoff brüten. In beiden Fällen leiden die Gedanken. Entweder weil sie vor der Reife gepflückt werden oder durch zu häufiges Drehen und Wenden irgendwann aufhören, sich selbst zu trauen. Das Seltsame bei Anthony Giddens' neuem Buch ist, daß man den Eindruck hat, er habe zu kurz und zu lange daran geschrieben. Fünfzehn Jahre seines Lebens sind über dem Werk verflossen. Daß das zu viel ist für ein gutes Buch, leuchtet unmittelbar ein. Daß es andererseits aber auch zu wenig sein könnte, erschließt sich erst bei näherer Lektüre.

          Vor uns entfaltet sich eine Theorie der Moderne "jenseits von Links und Rechts". In sie hat Giddens alles mögliche eingebaut, was ihm im Laufe von fünfzehn langen Jahren von Presse, Funk und Fernsehen serviert wurde. Zwischen ins Weite wuchernden - von Dahrendorfscher Prägnanz Denkwelten entfernten - Überlegungen zu Demokratie, Gewalt, Arbeit, Konservativismus, Sozialismus und Wohlfahrtsstaat finden sich beinahe liebevoll gesammelte Splitter des Alltäglichen. Siebzehn Zeilen kreisen um das Problem der Magersucht, sechsundzwanzig Zeilen behandeln die Mississippi-Überschwemmung bei St. Louis im Juli 1993, einunddreißig Zeilen befassen sich mit Aids. Kaum ein Stichwort, das in der Luft liegt und nicht von Giddens durchgehechelt würde. Sein Buch ist insofern gnadenlos aktuell. Doch je länger man liest, desto häufiger sagt man leise "und und und" vor sich hin.

          Das liegt daran, daß Giddens' Theorie der Moderne keine kritische und insofern noch nicht einmal eine moderne ist. Er beschreibt dies und das und analysiert nichts. Er registriert, was unübersehbar ist, fügt es aber nicht unter distanzierenden Gesichtspunkten zu Erkenntnissen zusammen. Giddens scheint eine Art demokratischen Vorbehalt gegen jede souveräne Aussage zu hegen. Es ist, als habe er erst überall abstimmen lassen, bevor er ein Kapitel in Satz gab. Der alerte Anspruch, jenseits von Links und Rechts zu denken, entpuppt sich als das dröge Verlangen, jenseits irgendeines Standpunktes zu denken. Es sei denn, man wollte den von Giddens propagierten "utopischen Realismus" als Standpunkt gelten lassen. Dann muß man aber auch - Augen zu und durch - zu der Definition stehen, die in seinem früheren Werk "Konsequenzen der Moderne" nachzulesen ist: Der utopische Realismus zehre, so heißt es da grell optimistisch, von "alternativen Zukunftsverläufen, deren bloße Propagierung zu ihrer Verwirklichung beitragen könnte".

          Konsequent im Sinne einer Utopia der Moderne kriegt der Leser die neue alte Welt ab ovo erklärt. Zum Beispiel das Umweltproblem der Moderne: Es ist, so erfährt man in "Jenseits von Links und Rechts", eine Gefahr, "die potentiell jeden betrifft, unabhängig davon, wie oder wo er lebt. Sie resultiert aus Chemikalien, die in der Landwirtschaft und in anderen Bereichen eingesetzt werden oder aus Mülldeponien, Abwässersielen und durch andere Kanäle indirekt in die Umwelt gelangen". Unanstößiger hätte es auch der Brockhaus nicht sagen können.

          Solcherlei aufzuspießen entspringt nicht etwa einem bösen Blick auf vereinzelte mißglückte Stellen. Das Buch ist vielmehr gepflastert mit nichtssagenden Richtigkeiten. Man müßte beide Augen zudrücken, um sie zu übersehen. Was sie so unerträglich macht, ist der gewichtige Patriarchenton, mit dem sie uns als Überraschungseier verkauft werden. Der Leser nickt: "Die Bewältigung oder Begrenzung der Gewalt gehört zu den schwierigsten und anspruchsvollsten Problemen unter den menschlichen Dingen." Und nickt: "Geopolitische Rivalitäten werden wahrscheinlich auch weiterhin erhebliches Gewicht haben, und Zerstörungskriege bleiben in vielen Teilen der Welt möglich." Und nickt: "Es mag einige Männer geben, die das Kriegshandwerk genießen, aber für die große Mehrheit gilt das nicht." Am Ende ist er eingenickt.

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