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Rezension: Sachbuch : Kleinkrieg der Großstadtmenschen

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Karin Kirschs Briefsammlung zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung / Von Wolfgang Pehnt

          2 Min.

          Für alle Veranstalter epochaler Kulturereignisse hält Karin Kirschs Briefsammlung zur Stuttgarter Weißenhofsiedlung tröstliche Botschaft bereit. Nichts lief damals, wie es sollte. Den Terminplan hielt niemand ein. Noch im Dezember 1926 lagen längst nicht alle Pläne für die Siedlung vor, die sechs Monate später eröffnet wurde. Natürlich war die Ausstellung keineswegs fertig. Erst im September verließen die Handwerker die Häuser Ouds oder Mies van der Rohes, um bald zu ersten Sanierungsmaßnahmen zurückzukehren.

          Die Organisation dieses Großexperiments modernen Bauens läßt sich nicht anders als katastrophal bezeichnen. In die Zuständigkeiten teilten sich konfliktreich die Stadt Stuttgart als Bauherr, die Geschäftsführung des württembergischen Werkbunds, Mies van der Rohe als künstlerischer Chef und Richard Döcker als örtlicher Bauleiter. Krach war Dauerzustand. Vor allem Döcker machte sich in einem auch für Bauleiter ungewöhnlichen Ausmaß bei allen Beteiligten unbeliebt.

          So kam es zu grotesken Mißverständnissen. Le Corbusier interpretierte die Höhenlinien des Geländeplans falsch und mußte den Heizungskeller zum Entrée seines Hauses machen. Oud scheint nach Karin Kirschs Vermutung die empfohlenen Maße für ein Plätzchen zum Schuhereinigen in Metern statt in Zentimetern gelesen zu haben. Infolgedessen entwickelte er für seine Reihenhäuser Küchenhöfe - eine überaus praktische und ästhetisch reizvolle Fehldeutung.

          Daß die Weißenhofsiedlung lokalpolitisch umstritten war, die auswärtige Architektenprominenz den Berufsneid der heimischen Kollegenschaft erweckte und die Bauten nach 1933 beinahe abgerissen worden wären, ist bekannt. Karin Kirsch hatte das Material selbst in einer Monographie, die vor zehn Jahren erschien, erschöpfend dargelegt. In ihrer nun publizierten Sammlung von Briefen, die sie natürlich in ihrem älteren Buch ausgewertet hatte, werden vor allem die menschlich, allzu menschlichen Neben- und Zwischentöne wahrnehmbar.

          Zwischen den beteiligten Charakteren - dem querulanten Döcker, dem phlegmatischen Mies, den ungeduldigen Kommunalpolitikern - kam es zu oftmals ridikülen Reibereien. Allein die neunmal revidierte Liste der teilnehmenden Architekten sorgte für hinreichende Verstimmungen. Dem farbenversessenen Bruno Taut bescheinigte Le Corbusier den Mangel jeglichen Farbsinns. Scharoun hielt die Kollegen mit Beschwerden über Fahnenstangen in Atem, die vor seinem Haus aufgestellt waren. Aber es ging auch um schwerwiegende sachliche Argumente. Nicht nur die Genehmigungsbehörden nahmen Anstoß an fensterlosen Dienstbotenzimmern und niedrigen Raumhöhen bei andererseits opulenten Grundrissen.

          Sogar über die eigentlichen Ziele des Unternehmens herrschten divergierende Auffassungen. Die Stadt erwartete sich billige und einfache Wohnungen für die Masse der Wohnungssuchenden. Aber wer einzog, das waren gebildete Mittelständler, Künstler und Intellektuelle, die "über eine entsprechende innere Einstellung" verfügten. Es waren "moderne Großstadtmenschen", wie Geschäftsführer Gustaf Stotz sie nannte, mit dem Sinn für die Attraktion des Neuen.

          Allen mißlichen Umständen zum Trotz wurde die Stuttgarter Bauausstellung zu einem Fanal, mehr als ihre Nachfolger in Berlin, Breslau, Karlsruhe, Prag oder Wien. Von den 21 Häusern auf dem Weißenhof haben elf Krieg und Abriß überdauert. Was sie gekostet haben, nicht nur an Geld, sondern vor allem an Engagement, geht aus diesem - seinerseits nicht eben billigen - Bändchen hervor. Es sind Informationen für diejenigen, die es ganz genau wissen wollen. Doch enthalten diese Bau-Geschichten von unten und von ganz nah auch Anschauung über den Lokalfall hinaus. Die Architekturmoderne war sogar dort, wo sie demonstrativ nach außen auftrat, ein alles andere als monolithisches Unternehmen.

          "Briefe zur Weißenhofsiedlung". Herausgegeben von Karin Kirsch. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1997. 235 S., 61 Abb., kart., 58,- DM.

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