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Rezension: Sachbuch : Kleines Licht mit Schmelze

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Goethe fühlte sich merkwürdigerweise in verschiedenen Lebensphasen zu Frauen hingezogen, die für ihn unerreichbar waren oder die vestalinnenhaft-unerotische Züge hatten, und er neigte auch dazu - wie von Thomas Mann in "Lotte in Weimar" geschildert -, ohne sexuelle Ambitionen in fremde Verlöbnisse oder Ehen einzudringen, die ihm eine Bindung fürs Leben ersparten.

Nicholas Boyle hat im Falle der Beziehung Charlottes zu Goethe vom "Bann der Schneekönigin" gesprochen. Der Märchenvergleich erklärt die eigentümliche Kälte, die diese Frau auch heute noch ausstrahlt, sei es in der Darstellung von Boyle oder von Klauß. Sosehr dieser ungerechte Urteile der Nachwelt über sie korrigieren will, verschweigt er doch die Schattenseiten ihres Charakters nicht, etwa die erschreckend herzlose Benachteiligung ihrer Söhne Carl und Ernst zugunsten ihres Lieblingssohnes Fritz. Ihre Gefühlskälte macht es schwer zu begreifen, was Goethe an ihr fand.

Man ist geneigt, Herzog Carl August Glauben zu schenken, wenn er sagte, Frau von Stein sei "kein großes Licht" gewesen, Goethe habe "stets zu viel in die Weiber gelegt" und "seine eigenen Ideen in ihnen geliebt, eigentlich große Leidenschaft nicht empfunden". Wie sollte das auch möglich sein angesichts der Vielzahl der Frauen, die er zu lieben meinte und die heute nur noch Goethe-Experten mitzählen können, während sie bis zum Beginn unseres Jahrhunderts, wie Thomas Mann bemerkt hat, jeder Gymnasiast als kanonisches Bildungsgut kennen mußte. Jochen Klauß hat einen sehr geschickten Weg gewählt, das Leben Charlottes nachzuzeichnen. Da es für sich zu wenig Interesse erweckt, erzählt er es nicht einsträngig, in chronologischer Folge, sondern bettet es in verschiedene Lebens- und Kulturbereiche ein, die freilich nicht immer glücklich bezeichnet werden. Die der modernen bürgerlichen Arbeitswelt entstammenden Begriffe "Arbeitsplatz" und "Freizeit" passen denkbar schlecht zur höfischen Welt.

Doch derartige Anachronismen prägen die Substanz des Buches glücklicherweise nicht. Es gibt aufschlußreiche Kapitel über die Frauen im klassischen Weimar, überhaupt über das Rollenbild der Frau im achtzehnten Jahrhundert; am Beispiel Charlottes wird die Baustruktur Weimars und seiner Umgebung als Spiegel seiner politisch-sozialen Struktur beschrieben, die Institution des Hofes wird mit seinen komplizierten gesellschaftlichen Verflechtungen durchleuchtet; es entsteht um Charlotte von Stein herum ein facettenreiches Porträt des klassischen Weimar im Spannungsfeld einer gewissermaßen insularen, französisch geprägten Hof- und Hochkultur - aristokratisch mit "bürgerlicher Schmelze" - und einer recht armseligen bäuerlich-kleinbürgerlichen Gesamtwirklichkeit.

Klauß stützt seine Darstellung auf viele bisher ungedruckte, aber auch auf bekannte Quellen, die er oft besser ausführlicher analysiert als ausufernd zitiert hätte. Seine Beschreibungen und Analysen von Porträts, Architekturen und Landschaftsräumen sind weit präziser als sein Umgang mit Texten. Die Tiefenschärfe der Kapitel über Charlotte von Stein in Boyles opus summum erreicht er nur selten. Es ist Pech für den Autor dieser verdienstvollen und gut geschriebenen Charlotte-von-Stein-Studie, daß sie gleichzeitig mit jenem Glücksfall einer Goethe-Biographie, die alle bisherigen antiquiert, erscheinen mußte. DIETER BORCHMEYER

Jochen Klauß: "Charlotte von Stein". Die Frau in Goethes Nähe. Artemis & Winkler Verlag, Zürich 1995. 320 S., Abb., geb., 58,- DM.

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