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Rezension: Sachbuch : Klaus Mann, das Paradies und der Kinderwagen

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Eine Ausstellung und ein Bildband zum fünfzigsten Todestag

          7 Min.

          Drei Striche über die Seite hinweg markieren mehr als einen Grenzübertritt: Sie stehen für Abschied ohne Wiederkehr. Der darauf folgende Journaleintrag vom 14. März 1933 stammt aus Paris, eine Art Kapitelüberschrift verkündet: "Beginn der Emigration". Erstmals sind jetzt die bis 2010 gesperrten Tagebücher Klaus Manns im Original zu besichtigen. Im Kulturzentrum "Am Gasteig" stellt die Münchner Stadtbibliothek gemeinsam mit dem Handschriftenarchiv Monacensia - als Hommage zum fünfzigsten Todestag - Leben und Werk des Schriftstellers vor. Die umfassende, klug komponierte Schau macht auch deutlich, was bis dato selbst Kennern unbekannt war: Die publizierten Diarien entsprechen bloß etwa der Hälfte des Bestands.

          "Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen." Oft und mit gutem Grund wird dieser Befund Marcel Reich-Ranickis zitiert. Denn darin steckt in Abbreviatur Klaus Manns tragische Schicksalssymphonie. Der ewige Sohn hat vom väterlichen Ruhm profitiert und zugleich unter ihm gelitten. In den unbeschwerten, tollen Jugendtagen war der große Name für den Hochbegabten vornehmlich von Vorteil, ein Entreebillett in die Welt der Kunst, des Geistes, der Gesellschaft. Mit beinah schamloser Unbefangenheit präsentierte sich der junge Mann als Erbe erlauchter Tradition und moderner Poet und Bürgerschreck - voll Tempo, ein bißchen verrucht, stets schwärmerisch in sich und andere verliebt.

          An der Schwermut schien er so leicht zu tragen, wie es der weiland Dandy mit der Gardenie im Knopfloch tat: Sie putzte ganz ungemein. Gerhard Härle hat einst in seiner von Gralshütern der Thomas-Mann-Kunde nachdrücklich getadelten Studie "Männerweiblichkeit" - über des weltberühmten Dichters homoerotische Neigungen und die praktizierte Homosexualität des eher berüchtigten Sprößlings - mancherlei Aufschlußreiches zutage gefördert: das Verführungsklima zwischen dem Erwachsenen und dem Pubertierenden, die Verstörung des literarischen Würdenträgers durch das Ausleben seiner eignen, gemäß bürgerlicher Wohlanständigkeit unterdrückten Wünsche in der nächsten, recht unbekümmerten Generation.

          Als sich der achtzehnjährige Klaus Mann mit Pamela Wedekind verlobte, höhnte deren boshafte Schwester Kadidja: Das ist ein Mann / Und doch kein Mann / der wie ein Weib sich schmückt. Und als er freiwillig in die amerikanische Armee eingetreten war, klopfte Vater Thomas dem Filius brieflich auf die Schulter: Er bewähre sich nun, heißt es verräterisch, "richtig und tapfer wie ein Mann". Über des Nobelpreisträgers Herzlichkeit hegte Klaus keine Illusionen. "Sehr stark und nicht ohne Bitterkeit", vermerkt der Tagebuchschreiber anno 1937 mit dem scharfen Blick des seelisch Verwundeten, spüre er die "völlige Kälte" des Zauberers: "Ob wohlwollend, ob gereizt (auf eine sehr merkwürdige Art ,geniert' durch die Existenz des Sohnes): niemals interessiert; niemals in einem etwas ernsteren Sinn mit mir beschäftigt. Mischung aus höchst intelligenter, fast gütiger Konzilianz - und Eiseskälte."

          Uwe Naumanns erfreulich informativer, im Rowohlt Verlag erschienener Begleitband zur Ausstellung präsentiert auch diese Sätze. Obendrein zeigt er einen Schnappschuß von Mann père und fils auf der Gartentreppe der Münchner Villa. Klaus Manns verkrampfte Haltung - mit der rechten Schulter versucht er sich an seinen übermächtigen Erzeuger anzulehnen, indessen die Beine davonstreben - spricht für sich. Die Fotos von Klaus Mann mit Katia und Schwester Erika bezeugen hingegen durchaus andere Verhältnisse. In Idyll-Manier signalisieren sie innige Vertrautheit, ja symbiotische Verschmelzung mit inzestuösem Beigeschmack. Gerade in der Fülle vordem unzugänglicher Dokumente liegt der beträchtliche Gewinn der Ausstellung wie des zugehörigen Bandes. Daß die Exponate in der Glashalle vor dem Eingang zur Stadtbibliothek noch zahlreicher sind als die zweidimensionalen Abbildungen, ist kein Wunder.

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