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Rezension: Sachbuch : Keine wie du, Sulamit!

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Prominente Autoren entdecken vergessene oder unterschätzte Dichter - ich weiß nicht, ob diese Idee für eine ganze Buchreihe reicht, wie sie Axel Marquardt im Europa Verlag ediert. Aber wenn dabei eine wirkliche Entdeckung herauskommt, muß man sie preisen. "Paul Auster entdeckt Charles Reznikoff" ...

          Prominente Autoren entdecken vergessene oder unterschätzte Dichter - ich weiß nicht, ob diese Idee für eine ganze Buchreihe reicht, wie sie Axel Marquardt im Europa Verlag ediert. Aber wenn dabei eine wirkliche Entdeckung herauskommt, muß man sie preisen. "Paul Auster entdeckt Charles Reznikoff" - unter diesem Titel wird dem deutschen Leser ein wahrhaft bedeutender Dichter bekannt gemacht: nämlich der 1976 gestorbene amerikanisch-jüdische Lyriker Charles Reznikoff, der übrigens auch in den Vereinigten Staaten noch immer nicht nach Verdienst gewürdigt wird. Um den Glücksfall vollzumachen: Sein "Entdecker", der Erzähler Paul Auster, ist als Guide und Interpret ein Muster von Einfühlung und Präzision, das nur zu loben ist.

          Reznikoffs Vita ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte. 1894 in Brooklyn geboren, besuchte er ein Jahr lang eine Journalistenschule, schloß daran ein Jurastudium an und wurde 1915 als Rechtsanwalt zugelassen. Als die Klienten ausblieben, versuchte Reznikoff sich als Handlungsreisender und später, nach der großen Depression, als Redakteur in juristischen Verlagen. Beruf und Schreiben miteinander zu verbinden erwies sich als schwierig. Aber Reznikoff ließ sich nicht entmutigen. Er setzte auf die "Flut", die zweimal am Tag kommt; nämlich als Poesie nach der ersten Flut von Tagesarbeit für den Lebensunterhalt. Auch W. C. Williams und Wallace Stevens haben ja solche Doppelleben geführt; der eine als Landarzt, der andere als Anwalt und Angestellter in einer Versicherung. Beide sind trotzdem erfolgreiche Autoren geworden; Reznikoff hingegen nicht.

          Das war durchaus kein Erfolgsstreik, denn Reznikoff publizierte seit 1918, seit seinem Debüt mit Vierundzwanzig, kontinuierlich bis ins Alter. Doch ein gewisser störriger Eigensinn scheint bei ihm im Spiel gewesen zu sein, eine Unlust, sich Zeitschriften oder Verlegern aufzudrängen. Vielleicht gar der Wunsch, sich als Figur unsichtbar zu machen. Mit Louis Zukofsky und George Oppen gründete Reznikoff "The Objectivist Press", um gemeinsam die eigenen Bücher herauszubringen. Immer wieder war er auf kleine Verlage oder den Selbstverlag angewiesen.

          Auster spricht von der lebenslangen Mißachtung des Dichters, die skandalös gewesen sei. Als Reznikoff fast siebzig war, publizierte der angesehene Verlag New Directions einen Band ausgewählter Gedichte und ließ ein zweites Buch folgen. Dann aber und trotz der Resonanz der beiden Ausgaben strich ihn der Verlag von der Liste seiner Autoren. Die kleine Black Sparrow Press übernahm 1974 sein Werk. Am 22. Januar 1976, während der Drucklegung seiner "Complete Poems", starb der Dichter in New York.

          Auster nennt Reznikoff einen Dichter des Auges, wenig später aber einen Dichter des Nennens. Das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Man könnte von einem Imagisten sprechen, der seine Bildfindungen am Wirklichen überprüft. Insofern mag man ihn zu den Objektivisten rechnen. Aber Reznikoff war, anders als Pound oder Williams, weder an Schulen noch an Theorien interessiert. "Ich sehe etwas", sagte er 1968 in einem Interview, "und schreibe es auf, wie ich es sehe. Dabei enthalte ich mich kommentierender Worte. Wenn ich nun etwas vollbracht habe, das mich bewegt - wenn ich das Objekt gut porträtiert habe -, wird jemand anders auch davon bewegt sein, und der nächste wird sagen: ,Was zum Teufel ist denn das?' Und vielleicht haben beide recht."

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