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Rezension: Sachbuch : Kein Gott der Wüste

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Annemarie Schimmels Volks-Islam / Von Friedrich Niewöhner

          Wer im Herbst 1995 über Annemarie Schimmel schreibt, kann nicht umhin, auch zum "Fall Schimmel" Stellung zu beziehen: In ihrem neuesten Buch "Die Zeichen Gottes. Die religiöse Welt des Islam" steht, daß die Schmähung des Propheten (Muhammad) eines der schlimmsten Verbrechen sei und "nach Ansicht einiger Autoritäten" die Todesstrafe verdiene. In diesem Zusammenhang hat Frau Schimmel früher geäußert, daß man darum die muslimischen Reaktionen gegen Salman Rushdie zu verstehen habe. Doch fährt sie in ihrem jüngsten Buch anders fort: "Das wurde seit den Tagen Ibn Taiymiyyas (gest. 1328) immer wieder diskutiert." Er war ein großer muslimischer Denker, der wegen seiner Unnachgiebigkeit gegenüber einem Christen, der den Propheten geschmäht hatte, ins Gefängnis mußte. Das will heißen: Die Schmähung des Propheten gehört sich nicht, sei es von seiten eines Christen oder eines Muslim. Ebenso sagt Frau Schimmel, daß der Fundamentalismus "verständlich" sei, da dieser sich "auf gute alte Vorbilder und strenge Beobachtung der traditionellen Regeln stützt" und eine Reaktion gegen eine Verwestlichung des Islam sei. Ein fundamentalistisches Buch?

          Der Autorin geht es um das Verständnis des Islam, sie hat in Anlehnung an Friedrich Heilers "Erscheinungsformen und Wesen der Religion" (1961) eine religionsphänomenologische Darstellung des Stoffes gewählt. Dieses phänomenologische Vorgehen ist nicht nur legitim; es erscheint gerade heute notwendig, fehlt den Kritikern des Islam doch oft das Verständnis für das, was sie ihrer Kritik unterwerfen. Bei Annemarie Schimmel werden die Phänomene dargestellt. Freilich liebt sie den Islam und wirbt für sein Verständnis. Das Vorwort ist datiert: Bonn, Allerheiligen 1994.

          Wenn man zuvor etwa Taslima Nasrins "Scham" gelesen hat und dann "Die Zeichen Gottes" aufschlägt, erfährt man einen Kulturschock. Was dort Terror und Unmenschlichkeit ist, erscheint hier als "Segensmacht" und "Heiligkeit". Das hängt damit zusammen, daß Schimmel keine abstrakten theologischen, philosophischen oder politischen Probleme anspricht, sondern von Gott und den Beziehungen der Menschen zu ihm handelt. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen nicht die Muslime, sondern Gott und seine Manifestationen in der Natur und im Leben derer, die "ihm ergeben sind".

          Schimmel unterscheidet zwischen dem normativen und dem volkstümlichen Islam oder auch zwischen dem legalistischen ("hohen") und dem mystisch-poetischen Islam. Über den normativ-legalistischen Islam spricht sie nicht, ihre Liebe gilt den mystisch-poetischen Strömungen, einem erosorientierten Islam. Er ist im intellektuellen Westen des Mittelmeerraumes kaum zu finden, er ist daheim im "spirituellen Osten", das heißt vorzüglich im pakistanisch-indischen Raum sowie in Persien: Muhammad Iqbal (1887 bis 1938) und Jalaladdin Rumi (1207 bis 1273) sind die immer wieder zitierten Helden.

          Für Schimmel ist der Islam somit nicht monolithisch, und er ist auch nicht nur auf die arabische Welt beschränkt. Sie stellt allerdings nicht die Vielfalt der islamischen Ausformungen in ihren diversen Traditionen dar, sondern eigentlich nur eine einzige Seite, den volkstümlichen erosorientierten Islam an den Rändern seiner klassischen Gebiete. Der Untertitel "Die religiöse Welt des Islam" ist etwas vollmundig. Namen wie Ibn Badscha, Ibn Tufail und Ibn Ruschd (Averroes) sucht man in dem Buch vergeblich, und selbst Muhammad al-Ghazalis berühmte "Nische der Lichter" fehlt bei der Aufzählung der Werke, die sich mit der Lichtsymbolik beschäftigen.

          Schimmel konzentriert sich weitgehend auf das Schrifttum der Sufis, jener zuerst asketischen Bewegung seit der Mitte des 8. Jahrhunderts, die sich bald in das verwandelte, was heute als islamische Mystik bezeichnet wird. Hegel sprach von ihr nach der Lektüre von F. A. G. Tholucks "Blütensammlung aus der Morgenländischen Mystik" in seinen Vorlesungen über die Ästhetik und sagte, der Sufi ersehne das Göttliche in allem zu Erblickenden, und dadurch erwachse ihm eine "heitere Innigkeit" und eine "schwelgerische Seligkeit". Auch Schimmels Buch handelt von dieser Innigkeit und Seligkeit, denn sein Mittelpunkt ist die baraka, die "Segensmacht", ein Wort, das im Koran nur im Plural ("Segnungen") vorkommt.

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