https://www.faz.net/-gqz-6qlyv

Rezension: Sachbuch : Katholischer als die Kirche

  • Aktualisiert am

Philipp II. überraschte früher nicht minder als heute

          5 Min.

          "Man erwartet - ich weiß nicht welches? Ungeheuer, sobald von Philipp dem Zweiten die Rede ist - mein Stück fällt zusammen, sobald man ein solches darin findet", gab Schiller den Lesern seines "Don Carlos" zu bedenken. Um der dramatischen Wahrheit willen rechtfertigte er den Menschen, der im König steckte. Das ist ihm gelungen, und Verdi gelang es später, die schmelzende Wirkung in seinem musikalischen Drama noch zu steigern. Seither ist Philipp II. als einsamer Mann bekannt, als Opfer seines Systems, der vergeblich nach Freundschaft, nach Liebe verlangt und in diesem Begehren fürchterlich enttäuscht wird. Das Ungeheuer tritt nicht auf, aber das Ungeheuerliche ist unmittelbar zugegen: die Inquisition, die Scheiterhaufen des Fanatismus, deren Flammen jede freie Regung des Geistes ersticken, die nackte Gewalt, die Wüsten in den Niederlanden schafft und das Befriedigung nennt. Die bürgerlich-sentimentalen Klischees des "Familiengemäldes aus einem königlichen Haus" bestimmen die gängigen Vorstellungen über diesen klugen König und seine Zeit.

          Diese übermächtigen Bilder würdigt Henry Kamen in seinem "Philip of Spain" mit keinem Wort. Er setzt sie voraus. Um sie zu entkräften, schlüpft er listig in die Rolle eines Chronisten, der mit nüchterner Gründlichkeit berichtet, was sich von Tag zu Tag in dem langen Leben des Königs ereignete. Die Beschränkung auf eine scheinbar kunstlose Materialsammlung erweist sich bald als Kunstgriff. Denn die Fülle auch beiläufiger Einzelheiten vergegenwärtigt einen reich veranlagten Menschen und König, der nichts mit dem populären "Bühnenbild" gemein hat.

          Der junge Infant Philipp, 1527 geboren, kannte keine Familie im bürgerlichen Sinne des neunzehnten Jahrhunderts. Seine Mutter starb früh, und sein Vater war meist abwesend. Deswegen war er keineswegs allein. Seine Schwestern hingen zärtlich an ihm, und er blieb ihnen zeit seines Lebens ein aufmerksamer, liebevoller Bruder, immer fähig, auch mit Tränen, wie es sich im übrigen gehörte, seine seelisch-anmutigen Schwingungen zu bekunden. Die Förmlichkeit des Hofes hielt sich damals noch in Grenzen. Philipp hat später, als er 1548 auf Wunsch seines Vaters das burgundische Zeremoniell auch für Spanien verbindlich machte, dessen Zwänge als eine ziemliche Last empfunden. Er zog es deshalb vor, so häufig wie möglich auf seinen Jagdschlössern zu verweilen. Er genoß eine sorgfältige Erziehung, aber als ritterlich-eleganter Charakter, der eine schöne Figur in der Welt abgeben wollte, begeisterten Turniere und Jagden ihn mehr als die Exerzitien in lateinischer oder französischer Grammatik. Der Prinz gehörte zu den wenigen Habsburgern, die überhaupt kein Talent für Fremdsprachen besaßen.

          Weitere Themen

          Setzen, stellen, losen

          Fußball-EM 2020 : Setzen, stellen, losen

          Eine freie Auslosung für die Gruppeneinteilung bei der Fußball-EM 2020 wird es nicht geben. Aber immerhin muss nicht nachgelost werden. Das Prozedere ist erklärungsbedürftig.

          Topmeldungen

          Franziskus wäre in jungen Jahren gerne Missionar in Japan geworden.

          Papstbesuch in Japan : Römisch-katholisch und versteckt christlich

          Franziskus besucht an diesem Samstag Japan – dabei wird es nicht nur um Atomwaffen gehen, sondern auch um die Jahrhunderte andauernde Unterdrückung der katholischen Kirche im Land und ihre „versteckten Christen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.