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Rezension: Sachbuch : Jugend als Beruf

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Der fixe Junge mit der flinken Feder: Jörg Tremmel beklagt den Generationsbetrug

          Es gibt, grob gesprochen, zwei Motive, ein Buch zu kaufen. Entweder man will des Inhalts wegen oder im Hinblick auf den Autor. Wobei man sich den Autor als eine Person mit ganz bestimmten, unverwechselbaren Eigenschaften denkt. Diese Vorstellung paßt auf Jörg Tremmel, den Verfasser des Buchs "Generationsbetrug", nur schlecht. Tremmel stellt sich nicht eigentlich als Autor vor, sondern als Vertreter, als einer von den vielen, die sonst nicht zu Worte kommen. Er spricht im Namen der Jugend, redet von "meiner Generation" und sagt "Wir Jungen". 1971 geboren, hat er dazu auch alles Recht.

          Aber ein Anspruch reicht noch nicht, um ein Buch draus zu machen. Was Tremmel vorträgt, ist eine einzige Anklage gegen die ältere Generation, die sich auf Kosten der Jüngeren ein schönes Leben macht. Unter diesem Gesichtspunkt läßt sich so ziemlich alles verarbeiten, und Tremmel läßt auch fast nichts aus, die wilde Jagd geht vom Ozonloch über den Atommüll und die Staatsverschuldung bis zum Artensterben. Er hat viel gelesen, auf jeden Fall viel gesammelt, aber nur das wenigste davon geordnet und kaum etwas gefeilt. Die vielen Zeitungsberichte, aus denen er zitiert, scheint er nicht nur als Quellen zu betrachten, sondern auch als stilistische Vorbilder.

          Das bringt den Leser, sofern er kein allzu kurzes Gedächtnis hat und sich an das, was vorgestern in der Zeitung stand, auch heute noch erinnert, in die peinliche Lage eines Theaterbesuchers, der in Kenntnis des Stückes, das gegeben wird, auf die neue, überraschende, eigenwillige Inszenierung wartet, aber total enttäuscht wird. Der junge Autor scheint fleißig gewesen zu sein, ist aber nicht sehr originell, so daß man sich immer wieder fragt, wo er sein offenbar beträchtliches Selbstbewußtsein hernimmt. Er will sich "der Zeit stellen", die alten Bestände überprüfen und zusammen mit seinen Generationsgenossen einen völligen Neuanfang wagen.

          Um das zu verstehen, hält man sich am besten an die Notizen des Vorworts und die Nachbemerkung, mit der Tremmel das Ganze abschließt. Schon auf der ersten Seite empfiehlt er sein letztes Buch, und auf den letzten Seiten kündigt er das nächste an. Es wird, verspricht er, Antwort auf alle Fragen geben, die für diesmal offenbleiben mußten. Um es kurz zu machen: der Autor ist ein Verkaufstalent. Die Werbetexte, die sich ein anderer vom Verlag schreiben läßt, verfaßt er selbst. Ihm macht das so viel Spaß, daß er sich nicht vorstellen kann, "warum die Jugendlichen von heute so wenig Bücher schreiben". Das immerhin versteht man nach der Lektüre seines Buches etwas besser. KONRAD ADAM

          Jörg Tremmel: "Der Generationsbetrug". Plädoyer für das Recht der Jugend auf Zukunft. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1996. 174 S., kt., 24,80 DM.

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