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Rezension: Sachbuch : Johoho und 'ne Buddel voll Rum

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Die Lappen hoch, die Anker fort: Arne Bialuschewski geht mit Richard Sievers auf Kaperfahrt / Von Dirk Schümer

          5 Min.

          Die sechzig Männer, die am 19. Dezember 1694 im neuenglischen Newport mit einem heruntergekommenen Zweimaster in See stachen, rechneten nicht mit dem Ruhm der Nachwelt. Keinen historischen Taten galt ihre entbehrungsreiche Reise von Nordamerika um den halben Globus bis an die Küsten Indiens. Die Besatzung der "Portsmouth Adventure" bestand aus Piraten. Daß wir über ihre geheime Kaperfahrt erstaunlich detailliert Bescheid wissen, verdanken wir dem Kieler Historiker Arne Bialuschewski. Mit unglaublicher Akribie hat er für die Geschichtsschreibung ein neues Kapitel erschlossen, das Abenteuerliteratur und Jugendbüchern vorbehalten schien. "Die Schatzinsel" oder "Robinson Crusoe", die unser Bild des See- und Piratenlebens geprägt haben, lagen mit ihren haarsträubenden Erzählungen nur ein paar Strich steuerbord gegenüber der historischen Wahrheit.

          Bialuschewski wählte den hamburgischen Seemann Richard Sievers als Lotsen durch das Geschwader von rund anderthalbtausend Piraten, die zwischen 1685 und 1701 am Seeräuberepos im Indischen Ozean mitschrieben. Nach ersten geglückten Raubzügen mit fadenscheinigen Kaperbriefen kehrten gegen 1690 mehrere reichbeladene Schiffe in die Häfen zwischen New York und Boston zurück. Bei Überfällen auf die Pilgerflotte, die damals alljährlich zwischen Mekka und dem indischen Mogulreich verkehrte, hatten die Seeleute Unmengen an Gold, Silber und anderen Kostbarkeiten erbeutet - Grund genug für die risikofreudigen Kapitalisten der Neuen Welt, an diesem weniger als halblegalen Profit partizipieren zu wollen und weitere Schiffe auszurüsten. Sievers, der einzige bekanntgewordene Deutsche bei dem dubiosen Unternehmen, war bis zu seinem unrühmlichen Ende mehrere Jahre als Navigator und später als Kapitän im Kielwasser der indischen Goldflotte unterwegs.

          Über Westafrika ging es ums Kap der Guten Hoffnung nach Madagaskar, wo sich auf der Küsteninsel Sainte Marie ein pittoresker Piratenstaat etabliert hatte. Abgehalfterte Glücksritter warteten hier auf Kaperschiffe zum Zusteigen, gerissene Lieferanten zogen den Seeräubern mit Proviant und Alkohol das Beutegold wieder aus der Tasche; es gab Duelle im Suff auf Leben und Tod, und es gab den Aussteiger Samuel, der von zerstrittenen Eingeborenen zum Stammeskönig gewählt wurde und mit mehreren Frauen im Busch hofhielt. 1697 schafften es mehrere Kaperschiffe, reichbeladene und nahezu wehrlose Pilgerboote aufzubringen. Nach Mord, Vergewaltigung und dem Aussetzen der restlichen Opfer konnten die Desperados die für damalige Verhältnisse unglaubliche Beute von vierzigtausend arabischen Goldstücken, fünfundzwanzig spanischen Silbermünzen, tausend Unzen Goldstaub und Truhen voller Geschmeide untereinander aufteilen.

          Woher der Autor das alles so genau weiß? Gegen 1700 gebot die britische Kriegsflotte dem Piratentreiben Einhalt, indem sie mit einigen bewaffneten Fregatten die Seeräuber einfach einsammelte. In Kapstadt, New York und später in London wurde ihnen der Prozeß gemacht. Weil der Abschreckungseffekt zugunsten des Indienhandels bald erzielt war, endeten nur wenige Piraten - etwa der berüchtigte William Kidd - am Galgen. Richard Sievers starb schon vorher im britischen Kerker zu Bombay. Die zahlreichen Geständnisse, Testamente und amtlichen Berichte, die bei der Piratenjagd aufgezeichnet wurden, liegen noch heute, zumeist als Logbücher mit Salzwasserflecken, in London im Archiv und ermöglichen eine erstaunlich pralle Rekonstruktion der verborgenen Raubzüge.

          Bialuschewski schreibt deshalb über die Entbehrungen der Matrosen und sogar übers Wetter, als wäre er dabeigewesen. Als sähen wir einen Piratenfilm mit Gregory Peck, erfahren wir von den Symptomen des Skorbuts, vom Ehrenkodex der Piraten beim Teilen der Beute, vom Ungeziefer im Bilgenwasser und vom Kappen der Masten bei Orkan. Zuweilen lesen sich die geographischen Beschreibungen appetitlich wie ein Reiseprospekt: "Dann sichteten die Seeleute an der Südostküste Madagaskars die Überreste des einst mächtigen Forts Dauphin. Die von einem halb verfallenen Turm überragten Ruinen befanden sich auf einer Landzunge, die einen der schönsten Orte auf Madagaskar darstellte. Im Norden wurde die pittoreske Szenerie von den Ausläufern des östlichen Randgebirges überragt, die aber jetzt, gegen Ende der Regenzeit, meist noch wolkenverhangen waren." Sollte der Autor seine Schauplätze zwischen Boston, Kapstadt und den Lakkadiven tatsächlich allesamt zu Recherchezwecken aufgesucht haben, dann liegt hier ein schönes Beispiel fröhlicher Wissenschaft vor.

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