https://www.faz.net/-gqz-pa7z

Rezension: Sachbuch : Jeremy Rifkin

  • Aktualisiert am

"Die neuen Technologien berühren den Kern unseres Selbstverständnisses."

          4 Min.

          Seit er die Kassandra gibt, zahlt Jeremy Rifkin fürs Wahrsagen den klassischen Preis. Ob er wie die trojanische Königstochter die Gabe der Prophetie besitzt, ist noch nicht einmal erwiesen. Aber daß ihm wie einst ihr niemand glauben soll, verkündet manch Apoll unserer Tage, throne er nun auf den Chefetagen der Wirtschaft oder im institutionellen Glanz der Wissenschaft.

          Rifkin, von Hause aus Wirtschaftswissenschaftler, wird gern von diesen Göttern in seine Schranken verwiesen. Wenn er Gefahren der Biogenetik und Informationstechnologie anprangert, fragen sie umgehend nach seiner Qualifikation. So halten sich Spezialisten von jeher Unruhestifter vom Hals.

          Das breite Publikum ist da weit weniger empfindlich und reißt ihm, trotz aller apollinischen Glaubensverbote, seine Schriften regelrecht aus der Hand. Unter Titeln wie "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" und "Das biotechnische Zeitalter" hat er Bestseller geschrieben, die von der Revolution der Wissenschaft und Technik handeln und den Auswirkungen einer globalisierten Wirtschaft auf unser Leben. So ist Rifkin, heißer umstritten als seine antike Vorgängerin, zu einem Faktor in der Debatte um Gene und Patente, ums Informationsnetz und die uns drohenden Verstrickungen geworden.

          Seine Kritik hat den polemischen Dreh nie gescheut, wie er jetzt wieder in "Access. Das Verschwinden des Eigentums" vorführt, seinem neuesten Buch, dessen erstes Kapitel wir heute leicht gekürzt in der Beilage "Bilder und Zeiten" vorabdrucken. Dennoch vergißt er darüber nicht, flotte Tiraden mit komplexen, ja sogar abgewogenen Analysen und Hypothesen zu untermauern. Rifkin zeichnet anhand einer Überfülle von Beispielen nach, wie die kapitalistische Marktwirtschaft von hyperkapitalistischen Netzwerken abgelöst wird und Käufer sich in Nutzer verwandeln. Alles nicht weiter schlimm, solange es bei der uns inzwischen liebgewordenen Malaise bliebe, also der vom Industriezeitalter verordneten Kommerzialisierung der Arbeit. Davon kann allerdings keine Rede sein.

          In Rifkins Schauerszenario, das den Wertekatalog radikal umschreibt und nebenbei die Kulturindustrie seligen Frankfurter Angedenkens zum Idyll erklärt, wird unser gesamtes Leben als kommerzielles Produkt behandelt.

          Statt eines totalitären Staates winkt uns ein von der Privatwirtschaft perfektionierter Totalitarismus. Nichts entgeht dem Big Brother Business. Was, fragt Rifkin nun, passiert mit der essentiellen Natur menschlicher Existenz, wenn sie in ein allumfassendes Gewebe kommerzieller Verbindungen gesogen wird, wenn der Kitt der Zivilisation allein der Kommerz ist? Das ist für ihn die Krise der Postmoderne.

          Die Rolle der Kassandra ist ihm nach all den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen. Rifkin warnt vor den Abgründen der neuen Technologien, vor ihren Folgen am Arbeitsplatz und für die Umwelt, vor genetisch manipuliertem Saatgut, biologischen Waffen, Eugenik auf Bestellung und bioindustriellem Design. Und er begnügt sich nicht mit kritischer Theorie. Die von ihm gegründete "Foundation on Economic Trends" hat gegen Firmen und staatliche Behörden geklagt, hat Patente angezweifelt, zum Boykott aufgerufen und dabei bewiesen, wie geschickt sie mit den Medien umzugehen weiß. Bis zum Obersten Gericht ist Rifkin mit seinen Argumenten vorgedrungen, amerikanischen Parlamentariern hat er in Anhörungen seine strengen Lektionen erteilt. Aber auch der Rest der Welt holt sich bei ihm Rat. Wie eine Primadonna des Protests fliegt er um den Globus und singt seine düsteren, dramatisch eingefärbten und doch immer lehrreichen Arien vor Staatsoberhäuptern und Industriekapitänen.

          Weitere Themen

          Selbstfahrende Autos in Tel Aviv Video-Seite öffnen

          Im Hightech-Mekka : Selbstfahrende Autos in Tel Aviv

          Tel Aviv ist ein Hightech-Mekka. In Israel soll es ein Start-Up pro 290 Einwohner geben, viele davon arbeiten mit digitaler Technologie. Die israelische Metropole wird von ausländischen Firmen als Testmarkt genutzt – auch für autonomes Fahren.

          Topmeldungen

          Brexit-Reaktionen in Brüssel : Demonstrative Gelassenheit

          Das nächste Brexit-Chaos in London? In Brüssel gibt EU-Ratspräsident Donald Tusk einen gelassenen Ton vor. Bis zur Entscheidung über das Verlängerungsschreiben werden wohl noch einige Tage vergehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.