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Rezension: Sachbuch : Jena vor uns im glücklichen Jahre

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Schlechtes Essen, nahrhafte Gedanken: Theodore Ziolkowski beobachtet Fichte, Schiller, Humboldt und Goethe bei der Geistesarbeit

          5 Min.

          "Das Wunderjahr in Jena" von Theodore Ziolkowski ist ein überaus schönes Buch. Das meint die Umschlaggestaltung, den Satz, den historischen Stadtplan mit den Dichter- und Denkerwohnorten in der Deckelinnenseite. Es meint die geistreichen Überschriften und den plaudernd präzisen Stil. Vor allem aber meint es das Projekt, nicht eine Jenenser Stadtgeschichte, nicht eine Geschichte des Deutschen Idealismus oder der Weimarer Klassik, nicht eine Geschichte der Begegnung von Goethe und Schiller und erst recht keine Fichtemonographie zu schreiben, sondern an einem Punkte, dem annus mirabilis jenensis, dem Jena des Zeitraumes von Mai 1794 bis September 1795, näher an den sausenden Webstuhl des Weltgeistes heranzutreten und den Zusammenhang nachzuzeichnen, in dem unsere Klassiker sich die goldenen Eimer der Gedanken reichten. Tatsächlich sind wir alle ja entweder Goethe- oder Schiller-, Schelling- oder Hegelkenner und wachen eifersüchtig darüber, daß die Gegenseite nicht irgendein Erstgeborenenrecht durchsetzen kann. Selbst die Henrichschule betrachtet zwar Filiationen, aber eben doch die Filiationen eines Gedankens. Allenfalls die leider eingestellte Meiner-Reihe der Philosophisch-Literarischen Streitsachen ließe sich sonst nennen.

          Zur Rekonstruktion geistiger Zusammenhänge gehört, daß man sich ein Bild der Lebensrealität macht. Ziolkowski belehrt darüber, daß die Salana so liberal war, weil die vier Erhalterstaaten sich selten einigen konnten (allerdings auch entsprechend schlecht und säumig zahlten), daß Sophie Mereau 1801 mit Herders Hilfe die erste Scheidung im Herzogtum Sachsen-Weimar durchsetzte, daß die Schleusen der Leutra zweimal die Woche geöffnet wurden, damit das Wasser durch die Straßen strömen und den Unrat wegwaschen konnte und daß allgemein über das Essen geklagt wurde. "Sind auch die Hauptingredienzen der Schüssel eßbar, so schwimmt gewiß das Rindfleisch in einer widerwärtigen Sauce von Zucker und Mehl und Rosinen, oder die kaltgewordene Butter stinkt aus der Suppe und dergleichen."

          Man liest von den Schwierigkeiten der Professoren, Veranstaltungen anzubieten, in denen es auch zahlende Hörer gab, von den Umzügen quer durch die Stadt auf der Suche nach einem geeigneten Hörsaal und davon, daß Fichte alle Nas' lang die Fensterscheiben eingeworfen wurden. Und man erfährt, wer wem in die Zimmer sehen konnte und wer von wem behauptete, daß er mit dem oder jenem ein Verhältnis gehabt habe. Und das sage niemand, daß er sich nicht für Tratsch interessiere. Die abstrakte Behauptung eines theoretischen Bezuges von Schiller auf Fichte liest sich ganz anders, wenn man weiß, das Schiller gerade einen Artikel, in dem Fichte schreibt, daß Schiller nicht denken kann, mit dem Argument zurückgewiesen hatte, daß Fichte nicht schreiben kann.

          Vor dem Bild, das Ziolkowski von der engen Jenenser Wirklichkeit gibt, wäre es auf einmal erstaunlich, bezögen sich die großen Werke, die sonst als Monaden fertig aus den Häuptern der Autoren in die Abstraktion des rein zeitlichen Zusammens zu entspringen scheinen, nicht auch inhaltlich aufeinander. Diesen Beziehungen nachzuspüren, gilt Ziolkowskis Hauptinteresse. Man kann sie in drei Arten teilen: Ein Autor antwortet auf einen anderen, er folgt einem anderen, beide gehen in die gleiche Richtung. Eine parallele Hinwendung zum lyrischen Roman, zur Hervorhebung des Charakters gegenüber der Handlung sieht Ziolkowski in Sophie Mereaus "Blütenalter der Empfindung" und im "Hyperion". Auch gebe es im Jena dieser Zeit eine Tendenz zum Erproben der reinen Gattungen (Märchen, Novelle, Elegie). Humboldts Besprechung von Jacobis "Woldemar" folge dem Muster einer philosophisch prinzipiellen Rezension, das Schiller in seiner Behandlung von Matthison aufgestellt hatte. Und Goethes vergleichende Anatomie nehme den Typus des Tieres, anders als früher die Urpflanze, gemäß Schillers kantianischen Einwänden als regulative Idee. Die "Briefe über die ästhetische Erziehung" werden geradezu als Kollektivarbeit betitelt, in die Goethesche, Fichtesche und, von der Forschung vielleicht unterschätzt, mit dem gräkophilen Ideal der allseitig entfalteten Persönlichkeit auch Humboldtsche Elemente eingehen.

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