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Rezension: Sachbuch : Jeder Vers eine Offenbarung

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Stefan Wilds Studie setzt den Gedanken voraus, daß "alle muslimische Exegese" sich "heute vor der Herausforderung der Moderne" sehe. "Darunter verstehe ich nichts weiter als die Notwendigkeit, eine Koranauslegung zu finden, die für die Probleme moderner Menschen relevant ist." Dieser Satz wiegt schwer, denn ...

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          Stefan Wilds Studie setzt den Gedanken voraus, daß "alle muslimische Exegese" sich "heute vor der Herausforderung der Moderne" sehe. "Darunter verstehe ich nichts weiter als die Notwendigkeit, eine Koranauslegung zu finden, die für die Probleme moderner Menschen relevant ist." Dieser Satz wiegt schwer, denn mit ihm wird gefordert, daß ein einziger Text, der Koran, die Kluft zwischen den wenigen Muslimen im siebten Jahrhundert auf der saudiarabischen Halbinsel und den mehr als eine Milliarden Muslimen des einundzwanzigsten Jahrhunderts in aller Welt zu überbrücken habe.

          In einem einleitenden Teil wird der Koran von Wild vorgestellt: "Die Heilige Schrift nach dem Propheten Mohammed." Der Koran ist ungeschaffene, eine schon vor jeder Schöpfung existierende göttliche Rede, die streng zu trennen ist von dem Menschen Mohammed Ibn 'Abdallah, der diese göttliche Rede als Offenbarung nur weitergegeben hat. Gottes unerschaffene Rede ist durch Mohammed Wort geworden. Jeder der mehr als sechstausend Verse des Korans ist gleichwertig, jeder hat Offenbarungsgewicht, kein Wort ist willkürlich. Kann man an den Koran, diese Wort gewordene Rede Gottes, überhaupt moderne, kritische Fragen stellen, "nur weil diese Fragen nichtmuslimischen modernen Beobachtern nun einmal interessant erscheinen mögen?" (Wild).

          Bevor der Autor diese Frage beantwortet, stellt er erst einmal den Gott des Korans vor, und zwar durch eine Interpretation der 112. Sure, der drittletzten, des Korans. Sie lautet: "Im Namen Gottes des allbarmherzigen Erbarmers / 1 Sprich: Gott ist Einer: / 2 Ein ewig reiner. / 3 Hat nicht gezeugt und ihn gezeugt hat keiner, / 4 Und nicht ihm gleich ist einer."

          Der Einzigartigkeit Gottes korrespondiert die Sonderstellung, die Mohammed unter den Menschen hat. Zwar ist auch er nur Mensch, dessen Fehler nicht verschwiegen werden, dennoch ist er ein "Modell für die Muslime." In Sure 33 Vers 21 sagt Gott: "Euch aber wurde am Gesandten Gottes ein schönes Beispiel." Immer wieder wird im Koran darauf verwiesen, daß man neben Gott auch seinem Gesandten zu gehorchen habe. Mohammed ist privilegiert mit göttlicher Autorität. Sollte der Koran, dieses Wort des einzigartigen Gottes, vermittelt durch seinen mit göttlicher Autorität ausgestatteten Gesandten, wirklich durch die Moderne herausgefordert werden können? Ist nicht die Modernität des Korans selbst für alle Zeiten dadurch gegeben, daß er ungeschaffen und ewig ist? Wild stellt im Verlauf seiner Untersuchung fünf muslimische Autoren vor, die sich solch einer Herausforderung stellen: den Ägypter Nasr Hamid Abu Zaid, den Syrer Muhammad Shahrur, den Iraner Abdolkarim Sorush, den Pakistani Fazlur Rahman und den Südafrikaner Farid Esack.

          In Deutschland ist von diesen Denkern besonders Abu Zaid bekannt gemacht worden. Wild benutzt durchgängig das Gegensatzpaar vormodern/traditionell - modern, ohne deutlich zu machen, was für ihn die Moderne ist. Doch wenn die von ihm vorgestellten Autoren ihre wissenschaftliche Methode als cartesianisch bezeichnen, sich bei ihrem Mythos-Begriff auf Ernst Cassirer und sich in ihrer Hermeneutik auf Rudolf Bultmann oder Hans-Georg Gadamer berufen, wenn ihnen die Trennung von Staat und Kirche in Europa als Vorbild dient, dann erkennt man, was die Moderne ist: nicht die Neuzeit, sondern das westliche, nichtislamische Denken. Selbst ein Denker wie Abu Zaid, der durchgängig eigentlich rein islamisch argumentiert, beruft sich an prominenter Stelle seiner Korananalyse auf die Sprachphilosophie de Saussures. Die muslimische Tradition jedoch möchte er töten: "Und nehmen Sie das Wort Töten wörtlich, denn die Tradition ist eine Last." Die modernen Exegeten wollen sich von dieser Last befreien. Farid Esacks Hermeneutik des Korans sei, so Wild, einer "Befreiungstheologie untergeordnet".

          Die lesenswerte Studie von Stefan Wild macht so auch deutlich, warum die von ihm behandelten Exegeten Einzelfälle sind und (noch?) nicht von der muslimischen Mehrheit anerkannt werden: Sie stellen sich mit dem Instrumentarium westlicher Philologie und Philosophie gegen die islamische Tradition. Und so bleibt die Frage im Raum stehen: Gibt es eine legitime Interpretation des Korans ohne die muslimische Tradition? Wild nimmt an, daß es trotz dieser modernen Exegesen weiterhin "fundamentalistische Exegesen" geben wird, denn der Koran als Eckstein des islamischen kulturellen Gedächtnisses und mit ihm die Tradition seiner Auslegung werde nicht verschwinden.

          FRIEDRICH NIEWÖHNER

          Stefan Wild: "Mensch, Prophet und Gott im Koran". Muslimische Exegeten des zwanzigsten Jahrhunderts und das Menschenbild der Moderne. Gerda Henkel Vorlesung. Hrsg. von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Gerda Henkel Stiftung. Rhema Verlag, Münster 2001. 54 S., br., 18,- DM.

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