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Rezension: Sachbuch : Jäher Witterungsumschwung vermutlich

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Wir kennen die Geschichte, doch manches ist einfach dumm gelaufen: Erik Durschmied folgt dem Kriegsglück auf den Fersen

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          Manche Fortschritte der menschlichen Zivilisation waren so logisch, daß sie zwangsläufig kommen mußten, als die Zeit für sie reif war: die Buchdruckerkunst, die Relativitätstheorie, die elektrische Gitarre und die Pampers. Andere sind so speziell, so unerwartet, daß es sie wohl nie gegeben hätte, wenn dem Erfinder zur Unzeit ein Dachziegel auf den Kopf gefallen wäre. Dazu zählen Pembertons Rezept für Coca-Cola und die Speicherverwaltung von MS-DOS. Wieder anderes ist einfach irrelevant. Wen kümmert es, ob der Wechselstrom 110 oder 240 Volt hat oder auf welcher Seite der Straße die Autos fahren? Jedenfalls ist ein beliebtes Thema der Science-fiction die alternative Realität.

          G. K. Chesterton beschreibt zum Beispiel in "Das fliegende Wirtshaus" ein von Türken besetztes England, und Carl Amery in "An den Feuern der Leyermark" ein Deutschland, in dem die Bayern 1866 mit der Hilfe von 560 Abenteurern aus den amerikanischen Südstaaten die Preußen besiegt haben.

          "Der Hinge-Faktor" behandelt den gleichen Stoff, aber diesmal in Sachbuchform. "Hinge" ist das englische Wort für Scharnier oder Türangel. Gemeint ist ein Dreh-und Angelpunkt, an dem sich entscheidet, wie sich der Lauf der Welt weiterentwickeln wird. Der Titel des Werks ist nicht gut gewählt. Man erinnert sich an Monographien wie "Das Peter-Prinzip", in denen über eine reine Phänomenologie hinausgehend Theorien aufgestellt werden. Das ist bei "Der Hinge-Faktor" nicht so. Anhand von siebzehn Beispielen, bei denen es sich fast ausschließlich um Schlachten oder Feldzüge handelt, wird gezeigt, "wie Zufall und die menschliche Dummheit Weltgeschichte schreiben".

          Daß es in diesem Buch so kriegerisch zugeht, ist weniger in der Natur der Sache als in der Person des Autors begründet. Der Autor Erik Durschmied ist ein altgedienter amerikanischer Kriegsberichterstatter, und er berichtet über Dinge, die er am besten versteht. Natürlich entscheidet es sich oft auf dem Schlachtfeld, in welche Richtung sich die Geschichte weiterentwickelt, aber es gab ja auch andere Situationen. Bekanntlich wäre Kolumbus beinahe auf das Drängen seiner Mannschaften hin kurz vor dem Erreichen der Neuen Welt umgekehrt. Ein besseres Beispiel für das Walten des Hinge-Faktors kann man sich kaum denken.

          Aber aus den Seiten des Buchs steigt Pulverdampf auf. Auf den Schlachtfeldern spielen sich schließlich Dinge ab, von denen man als schlichter Zivilist ja keine Ahnung hat (und die man ehrlich gesagt auch gar nicht immer so genau wissen will). Wer als Kind gerne im Sandkasten mit Playmobilsoldaten gespielt hat, wird sich bei der Lektüre nicht langweilen. Daß es sich hauptsächlich um die Beschreibung von Konfrontationen handelt, bei denen es Spitz auf Knopf stand, erhöht die Spannung, auch wenn man als gebildeter Mitteleuropäer natürlich in der Regel weiß, wer am Ende siegen wird.

          Das erste Kapitel nach dem kurzen Prolog ist ein Fremdkörper in dem Werk. Es geht darin um den trojanischen Krieg. Während die restlichen Berichte mehr oder weniger auf Tatsachen beruhen, wird hier der Bericht Homers weiterentwickelt, ein Zugang, der vielleicht doch manchmal etwas von der historischen Wahrheit abweichen könnte. Troja wurde durch die Schlauheit des Odysseus erobert, Aeneas floh aus seiner Heimatstadt und gründete Rom. Der Hinge-Faktor dabei war die erfolgreiche Kriegslist mit dem hohlen hölzernen Pferd. Diesem Danaergeschenk verdanken wir also letzten Endes solche Segnungen wie Prosecco, Pavarotti und Pistazieneis.

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