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Rezension: Sachbuch : Ist die Allmacht erst entfesselt

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Descartes war in seinen Hoffnungen nicht kleinlich. Von der zukünftigen Medizin sei zu erwarten, daß sie "von unendlich vielen Krankheiten sowohl des Körpers als auch des Geistes, vielleicht sogar von der Altersschwäche befreie". Der Mensch hat sich selbst zum Subjekt befördert und damit Gott als den primären Gegenstand philosophischen Staunens verdrängt.

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          Descartes war in seinen Hoffnungen nicht kleinlich. Von der zukünftigen Medizin sei zu erwarten, daß sie "von unendlich vielen Krankheiten sowohl des Körpers als auch des Geistes, vielleicht sogar von der Altersschwäche befreie". Der Mensch hat sich selbst zum Subjekt befördert und damit Gott als den primären Gegenstand philosophischen Staunens verdrängt. Nun soll ihm die kreatürliche Erbärmlichkeit ausgetrieben werden, die jener Selbstermächtigung allzu offenkundig Hohn spricht. Wie die Äußerung Descartes' illustriert, bedarf es dazu freilich keines schwächeren Rauschmittels als einer Allmachtsillusion, um die Kluft zwischen dem, was der Mensch ist, und dem, was er seinem neuen Selbstbild gemäß sein will, zu schließen. Die Aussicht auf herrliche Zeiten lädt ferner dazu ein, in der Wahl der Mittel, die zu diesem Zweck einzusetzen sind, nicht allzu zurückhaltend zu sein.

          So genügt in der aktuellen bioethischen Debatte einem beträchtlichen Teil der Diskutanten bereits das bloße Inaussichtstellen vager Chancen auf Heilung oder Optimierung, um zivilisatorische Mindeststandards in Frage zu stellen und Mahnungen zu Mäßigung und Besonnenheit als provinziell abzutun. Provinziell ist in dieser Sichtweise auch die Position des Tübinger Philosophen Otfried Höffe. In seinem Buch, einer Sammlung von Aufsätzen zu den großen medizinethischen Themen der letzten Jahre, begnügt sich Höffe nicht damit, unter Berufung auf Immanuel Kant die verbrauchende Stammzellenforschung und die Präimplantationsdiagnostik (PID) für unzulässig zu erklären, weil sie das Tötungsverbot verletzen und im Falle der PID einem Stück Sozialdarwinismus zu rechtlicher Anerkennung verhülfen. Der Kern von Höffes Kritik gilt der cartesischen Allmachtsillusion als solcher.

          Ihr stellt Höffe das Urbild des Philosophen, die Figur des Sokrates, gegenüber. Sokrates konfrontiert den modernen Menschen mit einer Forderung, die dieser gewöhnlich nicht weniger flieht als in alten Zeiten der Teufel das Weihwasser. Es handelt sich um die Forderung, beizeiten das Sterben zu lernen, die eigene und fremde Endlichkeit nicht bloß intellektuell, sondern auch existentiell anzuerkennen. Eindrucksvoll führt Höffe vor, daß gerade im medizinischen Bereich eine deontologische Pflichtenethik kantischer Couleur allein nicht ausreicht. Sie bedürfe der Ergänzung durch die klassischen Tugenden der Klugheit, Gelassenheit und Besonnenheit, vervollständigt um die moderne Tugend der Zivilcourage, die auch zum Neinsagen gegenüber überzogenen Ansprüchen bereit sei. Ohne die Unterstützung durch eine solche Tugendethik neigten die medizinische Forschung und der einzelne Arzt zu illusionären Versprechungen, werde der Patient zu ebenso unrealistischen Erwartungen verführt.

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