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Rezension: Sachbuch : Inventur im Erkenntnisdschungel

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Von Schaltkreisen und Neuronennetzen: Gerhard Strubes Wörterbuch zur Kognitionswissenschaft

          3 Min.

          Die Geburt einer neuen Wissenschaft ist ein rares Ereignis. Es braucht schon eine radikal neue Perspektive auf die Welt wie die Evolutionstheorie oder die Atomphysik, um die Gesellschaft davon zu überzeugen, einen zusätzlichen Wissenschaftsbetrieb zu finanzieren. Ein jüngeres erfolgreiches Beispiel ist die Kognitionswissenschaft, die vor mehr als zwanzig Jahren auf die Bühne der akademischen Welt kam. Philosophen, Kybernetiker, Informatiker, Linguisten und Biologen versammelten sich in ihrem Zeichen, um die Frage zu diskutieren, wie "Wahrnehmung" und "Erkenntnis" bei Menschen, Tieren oder Maschinen physisch möglich seien.

          Zur Institutionalisierung eines jeden Faches gehören neben Monographien, Lehrstühlen, Fachzeitschriften und Kongressen auch einschlägige Wörterbücher zur geistigen Inventur. Der ausgewiesene deutsche Kognitionswissenschaftler Gerhard Strube hat jetzt in Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften ein ausgezeichnetes Nachschlagewerk zu der neuen Disziplin herausgebracht: klar geschrieben, übersichtlich aufgemacht, versehen mit einem Index der auf diesem Gebiet so wichtigen englischen Fachausdrücke. Alle seine Einträge gehen davon aus, daß Wahrnehmung und Erkenntnis informationsverarbeitende Prozesse seien, die sich in den Zustandsveränderungen eines Gehirns oder eines Computers spiegelten.

          Ihren Ursprung hat die neue Disziplin in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Seit den dreißiger Jahren hatten Wissenschaftler wie der Mathematiker Alan Turing, Kybernetiker wie Norbert Wiener oder der Informationstheoretiker Cherry Shannon die Grundlagen dafür gelegt, Denken als einen in einer Maschine realisierten Rechenprozeß zu verstehen. Gleichzeitig erkundeten die Neurowissenschaften den funktionalen Aufbau des menschlichen Gehirns, um dem Rätsel des Geistes auf die Spur zu kommen. Linguisten und Philosophen entwickelten Modelle, um die formale Struktur des Denkens adäquat darzustellen. Das gemeinsame Interesse führte in den siebziger Jahren einen gescheckten Wissenschaftlerhaufen auf Kongressen und in Forschungsprojekten zusammen.

          1979 kam es in den Vereinigten Staaten schließlich zur Gründung der Cognitive Science Society und der gleichnamigen Fachzeitschrift - von dort fand die neue Wissenschaft dann ihren Weg in die ganze Welt. So bunt die Gesellschaft der an diesem Projekt beteiligten Forscher ist, so vielfältig sind auch die in dem Wörterbuch versammelten Artikel. Dort finden sich, neben Einträgen zu Standardbegriffen wie Erkenntnis oder Künstlicher Intelligenz, Erläuterungen der "kombinatorischen Explosion" oder über "Split-Brain-Patienten". Selbst ein Beitrag zu dem von Naturwissenschaftlern in der Regel geschmähten Poststrukturalismus findet sich - er wird als Ergänzung zu der allzusehr auf Berechenbarkeit fixierten Kognitionswissenschaft begrüßt, die, so der Autor, durchaus von der Lehre "der flukturierenden Funktionalität der Zeichen" profitieren könne.

          Solche Offenheit ungewöhnlichen Denkmodellen gegenüber kommt nicht von ungefähr. Die Kognitionswissenschaft steht heute an einem Scheideweg, dessen Bedeutung sich auch in Strubes Wörterbuch spiegelt. Dominierte bislang vor allem die Idee, Erkenntnis als einen nach formalen Regeln mit Symbolen verfahrenden Rechenprozeß zu verstehen, wird jetzt oft der sogenannte Konnektionismus angeführt, um das Denken in solchen Medien wie dem Neuronennetz des menschlichen Gehirns zu erklären. Dabei wird davon ausgegangen, daß Erkenntnis auf eine hohe Zahl untereinander verbundener Schaltelemente verteilt stattfinden könne, die parallel Signale versenden, um ein komplexes Problem zu lösen - diese Funktionsweise ist aber kein eindeutiger symbolverarbeitender Rechenprozeß mehr.

          Welches Modell besser dazu geeignet sei, das menschliche Denken zu beschreiben, ist bis heute noch nicht entschieden. In modernen Computern, die mit Bild-und Spracherkennung arbeiten, sind inzwischen häufig konnektionistische wie symbolverarbeitende Strukturen ineinander integriert. Die künftigen Entwicklungen in der Computerindustrie wie in der Neurologie werden viele der Antworten auf Fragen geben, die auch in Strubes exzellentem Wörterbuch einer jungen Wissenschaft noch offen bleiben müssen. HUBERTUS BREUER

          "Wörterbuch der Kognitionswissenschaft". Herausgegeben von Gerhard Strube in Verbindung mit Barbara Becker, Christian Freksa, Udo Hahn, Klaus Opwis und Günther Palm. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1996. 870 S., geb., 148,- DM.

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