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Rezension: Sachbuch : Intimer Blick in die Gralsburg

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Die Lebenserinnerungen des Regisseurs Manfred Wekwerth

          4 Min.

          Wenn ein Theatermacher eine Biographie schreibt, wird daraus naturgemäß auch Theater. Manfred Wekwerth ist klug genug, das zu wissen, und kokett genug, damit zu spielen. Er nennt seine Erinnerungen "Eine dramatische Autobiographie" und gliedert sie nach der klassischen Dramaturgie in fünf Akte. Doch sein eigentliches Talent als Regisseur zeigt sich erst beim Arrangieren der Szenen, bei der Gewichtung der Auftritte, bei der Verteilung von Licht und Schatten. Seine Jugend faßt der 1929 in Köthen/Anhalt Geborene in einem kurzen Prolog zusammen, den Erziehungsbemühungen der Nationalsozialisten begegnet er mit Resistenz und Ironie: "Sie hatten nicht vermocht, aus mir einen Jungsiegfried zu machen, und ich hatte mich mit Erfolg gedrückt, Zögling einer Napobi, einer Nationalsozialistischen Politischen Bildungsanstalt, zu werden, aber eines hatten sie mit großem Geschick erreicht: Eine ganze Generation kopflos zu machen."

          Indem er ausdrücklich auf die Rolle Siegfrieds verzichtet, bereitet er seinen Auftritt als Parzival vor. Der reine Tor gelangt aus der Waldeinsamkeit zur Gralsburg wie Wekwerth aus der Köthener "Arbeitsgemeinschaft Theater" ans Berliner Ensemble. Und da erst, mit der Ankunft unter den grauen Gralsrittern der Brechtschen Runde beginnt das Theater.

          Als Laienspielleiter hatte Manfred Wekwerth in Köthen Brechts Stück "Die Gewehre der Frau Carrar" inszeniert und die Chuzpe gehabt, den ihm bis dahin unbekannten Autor zur Premiere einzuladen. Der schickte, statt selbst zu kommen, die beiden Autobusse des Berliner Ensembles nach Köthen, um sich die Inszenierung in Berlin anzusehen. Nach der Vorstellung auf der Probebühne des Berliner Ensembles kommt es zur ersten Begegnung des Jungregisseurs mit dem Meister, eine Szene, in der der rückblickende Regisseur Wekwerth beweisen kann, daß er sein Handwerk gelernt hat: "Helene Weigel hatte mir, überglücklich, gesagt, ich solle gleich zu Brecht kommen, und ich ging auf den Mann zu mit der grauen Jacke und dem Brecht-Haarschnitt. Er schien mir auch bedeutend genug, denn er war von einer Traube von Leuten umringt, die an seinen Lippen hingen. Irrtum. Es war Paul Dessau. Der nächste, den ich als Brecht ansprach, war der Schauspieler Peter Kalisch: wieder Brecht-Schnitt, wieder die graue Jacke, aber diesmal allein und nachdenklich in einer Ecke. Außer dem Pförtner, der ebenfalls eine graue Jacke trug, fiel mir sonst niemand mehr als ,brechtisch' auf, bis mir ein unauffälliger Mann mittlerer Größe die Hand gab und vor sich hinmurmelte: ,Brecht'."

          Die ersten beiden Akte der Wekwerthschen Biographie lesen sich wie eine Komödie. In seinem schwungvoll-koketten Spiel mit der Form gesteht der Regisseur sogar ein, daß die Wahrhaftigkeit einer Anekdote nicht von ihrem Wahrheitsgehalt abhängt. Er läßt bei einem Gastspiel des Berliner Ensembles in Paris im Juni 1954 Brecht und Ionesco zufällig in einem Café zusammentreffen. An diese Pariser Pointe der Weltliteratur knüpft Wekwerth einen sophistischen Kommentar: "Es kann sein, daß ich diese Geschichte, die inzwischen in Brecht-Biographien zu finden ist, erfunden habe und Brecht niemals mit Ionesco zusammengetroffen ist. Was macht das schon? Kunst ist die Lüge, die zur Wahrheit führt."

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