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Rezension: Sachbuch : In fernem Land, unnahbar euren Schritten

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Dieter David Scholz verschiebt Wagners Utopie vom Feld der Politik ins Reich der Kultur / Von Eleonore Büning

          4 Min.

          Dieses Wagnerbuch, eines aus dem jährlich fälligen Halbdutzend neuer Wagnerbücher, ist fast vierhundert Seiten stark, weil ihm, wie der Autor im Vorwort tönt, "meine erfolgreiche 26teilige Sendereihe zugrunde" liegt. Man blättert ergeben weiter, stolpert bald über kurzgehackte Sätze ohne Verben, über bekannte Adjektive ("brünstig") und allzubekannte Zitate ("Wer sich mit Richard Wagner abgibt, muß sich auf das Ganze einlassen", Hans Mayer). Denkt bei sich: typisch windige Funkware, klappt das Buch von Dieter David Scholz zu, legt es weg, ungelesen. Und schon hat man einen Fehler gemacht.

          Manchmal trügt nämlich der Schein. Die anhaltende Aktualität Wagners ist ja auch nicht nur darauf zurückzuführen, daß allsommers zur Zeit der Hitzewelle ein fränkischer Familienclan den Frontverlauf seiner Erbfolgestreitigkeiten bekanntgibt. Vielmehr haften daran, verstrickt in Vita und Werk des Komponisten, zwei noch nicht abgegoltene Grundfragen dieses Jahrhunderts: die nach den gescheiterten Sozialutopien und die nach der Ungeheuerlichkeit des Holocaust. "Noch ist die Persönlichkeit nicht hinter das Werk zurückgetreten", bemerkte Pierre Boulez im Bayreuther Programmheft zum "Rheingold" anno 1976 - es fragt sich, ob sie das überhaupt sollte. Zwei Jahre nach dem als utopisch-politische Parabel aufgefaßten, spektakulären "Jahrhundertring" von Boulez und Chereau wies die Zeitschrift "Musikkonzepte" darauf hin, daß das eine vom anderen denn doch nicht zu trennen sei: "Daß Wagner Antisemit war, ist stets bekannt gewesen, so daß sich jeder ,Nachweis' erübrigen sollte", hieß es dort im Editorial, nun aber gelte es zu zeigen, daß "von Wagners Wahnsystem zur systematischen Mörderherrschaft und ihrem grausigsten Ergebnis, der Ausrottung des europäischen Judentums, eine beweisbare Linie führt."

          Diese Linie zog die Zeitschrift in einer polemischen Debatte und neun Beiträgen nach, deren umstrittenster zweifellos Hartmut Zelinskys Aufsatz über den angeblich im "Parsifal" verborgenen Aufruf zur Endlösung war. Zelinsky wurde dann zwar widerlegt, und das alles ist bald zwanzig Jahre her. Trotzdem scheint es, als sei die Beweislage seither nicht besser geworden. Auch 1997 arbeiten wieder mindestens zwei neue Wagnerpublikationen - von Annette Hein über die "Bayreuther Blätter" und von Joachim Köhler über Wagner und Hitler - auf eben diesem schwankenden Terrain, mit Vermutungen, interessanten Assoziationen und schönen Zitaten. Das schönste, meistzitierte von Thomas Mann, es sei "viel Hitler in Wagner", ist in der Tat eine gute Schlagzeile. Was fehlt, ist das Kleingedruckte: der Nachweis, wo genau und wieviel.

          Vor vier Jahren hat Dieter David Scholz eine Dissertation zum Thema "Richard Wagners Antisemitismus" vorgelegt. Er klärt darin erstens die Gerüchte über die angeblich jüdische Abstammung Wagners, widerlegt zweitens in Einzelanalysen zum "Fliegenden Holländer", zu "Parsifal", "Ring" und "Meistersingern" die von Paul Bekker bis zu Theodor W. Adorno tradierten Mutmaßungen über Judenkarikaturen in Wagners Musikdramen und untersucht drittens Wagners Schriften. Scholz kommt zu dem Ergebnis, daß "Wagners Antisemitismus sich grundlegend unterscheidet vom Rassenantisemitismus eines de Lagarde, Dühring oder gar Hitler". Angefangen bei gewissen jungdeutschen Sympathien für die Judenemanzipation über das infame Pamphlet gegen Meyerbeer und Mendelssohn bis hin zu den unter Einfluß Cosimas entstandenen Spätschriften sei Wagners Judenhaß ein Teil der Wagnerschen Kulturkritik und somit nur Kehrseite seines ästhetischen Programms: des Entwurfs des Gesamtkunstwerks. Wagners Antisemitismus stehe in engem Bezug zu seinen utopisch-sozialistischen Kunstschriften und sei, so Scholz, "zu einem Gutteil vorgefundener Marxscher Antikapitalismus". Im übrigen weist er darauf hin, daß die Losung, es führe ein gerader Weg von Wagner zu Hitler, zuallererst von den Nationalsozialisten selbst ausgegeben worden war.

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