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Rezension: Sachbuch : In dieser Welt war ihm keine Ruhe vergönnt

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Vor 250 Jahren wurde der Mann geboren, der Preußen veränderte: Die Tagebücher des Reformers Hardenberg

          3 Min.

          Als 1807 der Friede von Tilsit Preußen als europäische Macht auszulöschen schien, schlug die Stunde der Reformer. Ihr Manifest wurde Hardenbergs Rigaer Denkschrift, um die ihn der König bat, als der Kapitulationsfriede, der Preußen große Teile seines Territoriums kostete, unterzeichnet war: "Die Französische Revolution, wovon die gegenwärtigen Kriege die Fortsetzung sind, gab den Franzosen unter Blutvergießen und Stürmen einen ganz neuen Schwung. Alle schlafenden Kräfte wurden geweckt, das Elende und Schwache, veraltete Vorurteile und Gebrechen wurden - freilich zugleich mit manchem Guten - zerstört. Die Benachbarten und Überwundenen wurden mit dem Strome fortgerissen."

          Dieses Schicksal werde auch Preußen ereilen, wenn es sich nicht löse von dem "Wahn, daß man der Revolution am sichersten durch Festhalten am Alten . . . entgegenstreben könne". Hardenberg entwarf ein Geschichtsdrama, das nur zwei Wege kannte: Untergang im Strudel der Revolution, deren Grundsätze Napoleons Truppen Europa aufzwangen, oder "eine Revolution im guten Sinn, gerade hinführend zu dem großen Zwecke der Veredelung der Menschheit, durch Weisheit der Regierung und nicht durch gewaltsame Impulsionen von innen oder außen".

          Hardenberg, der heute vor 250 Jahren geboren wurde, forderte, was man später "bürokratische Revolution" oder "Revolution von oben" genannt hat. Sie sollte aber in eine Verfassung und eine "Nationalrepräsentation" münden. Damit grenzte sich Hardenberg klar ab von traditionalistischen Reformern, deren Idee von Erneuerung mit der überlieferten ständischen Ordnung vereinbar war. "Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung: dieses scheint mir die angemessene Form für den gegenwärtigen Zeitgeist." Die Möglichkeit zur Mitsprache sollte jedoch auch nach Hardenbergs Vorstellungen erst am Schluss einer Entwicklung stehen, die "wenige einsichtsvolle Männer" erzwingen und "mit starker Hand" steuern müssen.

          Von diesem "Konzept einer wohlwollenden Beamtendiktatur", wie der Herausgeber Hardenbergs Leitbild treffend charakterisiert, ließ der Staatskanzler nie ab. Er scheiterte. Und dennoch lösten die Reformen, die er plante oder ermöglichte, Veränderungen aus, die Preußens Rolle in der deutschen Geschichte neu bestimmten. Die nationalpolitischen Gründungsmythen hat die jüngere Forschung zwar durchschaut. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Erreichte - und dazu gehören auch die überhöhenden Sinnstiftungen - die preußische Reformära nach wie vor als eine Zeit ausweist, in der deutsche und europäische Geschichte neu bestimmt wurde.

          Der Staatskanzler Hardenberg hat diese Reformen maßgeblich geprägt. Dass er sie nicht vollenden konnte, hat viele Ursachen: Konflikte innerhalb der Gruppe der Reformer, Widerstand der Konservativen und mangelnder Rückhalt in einer Gesellschaft, von der die allermeisten Reformbeamten wie Karl Friedrich von Beyme überzeugt waren, sie müsse durch das Beglückungsregiment einer Bürokratie, die wisse, was den "Regierten" frommt, erst "zur politischen Freiheit fähig gemacht" werden. Und schließlich muss man sehen, dass der Reformwille überall in Europa erkaltete, auch in England.

          Hardenberg stand im Zentrum dieser Entwicklungen. Seine Tagebuchaufzeichnungen zeugen davon. Sie erschließen sich allerdings erst durch die sorgfältige Kommentierung. Mit ihr erzeugt der Herausgeber einen zweiten Text, der unter dem Strich erläutert, was Hardenbergs Hand meist nur karg andeutet. Es ist eine Edition für den wissenschaftlichen Leser. (Wer Hardenbergs autobiographische Selbstdeutungen kennen lernen will, muss zu der Ausgabe greifen, die Leopold von Ranke 1877 veröffentlichte.) Im Kommentar und in der umfangreichen Einleitung erläutert Stamm-Kuhlmann, wie die Tagebuchaufzeichnungen zustande kamen. Längere Passagen, in denen Hardenberg über das Geschehen nachdenkt, gibt es auch, doch über viele Seiten hinweg überwiegen kurze Notizen, bunt gemischt auf deutsch und französisch geschrieben.

          Wer diese Edition ausschöpfen will, sollte nicht nur politische Informationen darin suchen. Diese bietet sie auch, und dank der Mühe des Herausgebers ergänzen sich die vielen Quellen, die im Kommentar zitiert werden, dann doch zu dem farbigen politischen Zeitgemälde, das Hardenbergs eigene Aufzeichnungen verweigern. Sie gewähren aber auch Einblicke in den Lebensalltag eines Adligen, der viel und strapaziös reist, sich "magnetisiren" lässt, um seine Schwerhörigkeit zu kurieren, Brechmittel schluckt und Blutegel setzen lässt, ständig Menschen trifft, die ihn mit Nachrichten versorgen, Berg- und Hüttenwerke besichtigt, mit dem geschulten Blick des Landherren registriert, wie die Ernte sein wird, und sich um den gefährdeten Familienbesitz sorgt. Das Tagebuch endet wenige Tage vor dem 22. November 1822, als Hardenberg in Genua in den Armen Friederike von Kimskys, seiner früheren Geliebten, starb. Im Jahr zuvor war ihre Heirat arrangiert worden, um die Fürstin Charlotte Hardenberg zu versöhnen. Vergeblich. Auch dazu ergänzt der Kommentar, was das Tagebuch verschweigt.

          DIETER LANGEWIESCHE.

          "Karl August von Hardenberg 1750 - 1822". Tagebücher und autobiographische Aufzeichnungen. Herausgegeben und eingeleitet von Thomas Stamm-Kuhlmann. Harald Boldt Verlag im R. Oldenbourg Verlag, München 2000. 1108 S., geb., 340,- DM.

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