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Rezension: Sachbuch : In diesem Augenblick wird mein Geist bey Euch sein

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Über Generationen hinweg miteinander verbunden: Die europäischen Städte kannten im neunzehnten Jahrhundert mehr als nur den einen Weg jüdischer Assimilation

          Historiker kommen immer zu spät. Darin liegt ihr Verhängnis, aber auch ihre Chance. Allerdings schlägt jede Kolonne ihr eigenes Tempo ein: Leichtfüßig ist die Heimatkunde, denn unbedarft trällert sie dahin. Ganz zum Schluß aber schleppt sich die Sozialgeschichte ins Ziel, keuchend vor Paradigmenlast. Auch im Fall der jüdischen Geschichte war es daher eine Frage von Jahrzehnten, ehe sozialhistorisch inspirierte Studien nach langer Verkrampfung dieses Feld entdeckten. Dabei zog das neunzehnte Jahrhundert besonderes Interesse auf sich, stellte die Industrialisierung das Zusammenleben von Juden und Christen ja auf eine gänzlich neue Grundlage, insbesondere in den Städten.

          Die ersten sozialhistorisch geläuterten Bücher zur Geschichte jüdischer Berliner oder Frankfurter liegen nun auf dem Tisch. Dabei machte der in Los Angeles lebende Historiker Steven Lowenstein in mancher Hinsicht den Anfang. Sein Buch, das die Wege der Juden Berlins von 1770 bis 1830 verfolgt, ließe sich unter das Motto stellen: Integration als Bedrohung. Zu Recht behauptet Lowenstein, vor dem Erscheinen des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn habe sehr wenig dafür gesprochen, daß ausgerechnet Berlin mit seinen etwa 3500 Juden die erste große Reformgemeinde bilden sollte. Ebenso legitim aber wäre der Einwand: Wo ließe sich eher mit Tradition brechen als dort, wo keine besteht?

          Vor 1784 konvertierten etwa vier Prozent der in Berlin geborenen Juden, nach 1810 bereits vierzehn Prozent. Diese "Taufepidemie", wie Lowenstein sie bezeichnet, bettet der Verfasser in einer Kulturkrise ein: Die Anzahl der Scheidungen stieg, die der unehelichen Geburten ebenfalls, und der Berliner Salon gerät zur Chaiselongue sexueller Begegnung. Vor allem aber sei es die Konversion, die Demoralisierung ausgelöst habe. Dieses Urteil ist zwar verständlich, aber nicht begreiflich, denn Licht fällt nur auf die Oberschichten. Zudem wird Lowensteins Darstellung durch die alte Hypothek belastet, die jüdische Minderheit mit Quellen der christlichen Mehrheit beschreiben zu müssen. Dieser Widerspruch vereitelt nicht nur die Darstellung individueller Autonomie - also das, was Geschichte eigentlich ausmacht -, sondern pervertiert den jüdischen Akteur zum Opfer seiner Umgebung.

          Wenig Interesse bringt Steven Lowenstein auch für einen weiteren Faktor auf, obwohl dieser Berlin erst zu Berlin gemacht hat: den Zuzug aus der Provinz. 1815 traf Israel Jacobson, aus Kassel kommend, in Berlin ein, um in seiner Wohnung einen Gottesdienst abzuhalten, der mit nahezu allem brach, woran der Orthodoxen Herz hing. Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt wiesen unter allen deutschen Staaten nicht nur den höchsten Anteil an jüdischer Bevölkerung auf - noch heute zeugen etwa 330 jüdische Friedhöfe im Bundesland Hessen davon -, sondern hier setzte Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte als König von Westfalen in Kassel auch ein jüdisches Konsistorium ein, geleitet von Israel Jacobson. Dieser machte sich energisch daran, den jüdischen Ritus nach Vorbild des protestantischen umzugestalten.

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