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Rezension: Sachbuch : In der Hölle haust die Weisheit

  • Aktualisiert am

Pornographie der Aufklärung, ediert von Robert Darnton ·Von Ralf Konersmann

          3 Min.

          Daß das christlich geprägte Abendland sich eine sexualfeindliche Moral verordnet und damit den ganzen Globus überzogen habe, zählt zu den eingewurzelten Glaubenssätzen einer verbreiteten Kulturkritik. Der Rousseauismus schürte den Verdacht, indem er die Kulturentwicklung als Unterdrückungsgeschehen beschrieb, das mit der natürlichen Unschuld auch die freie Liebe auslöschte. Lange gehörte das Deutungsmodell der Entfremdung zum Mythenbestand der selbstkritischen Moderne. Es beflügelte Werthers Anklage der Gesellschaft ebenso wie Freuds epochale Formel vom "Unbehagen in der Kultur".

          Vor zwanzig Jahren verlor das Szenario seinen Glanz, als Michel Foucault die Kulissen umstellte und Verbot und Präsenz aufeinander bezog. Foucault verwies auf den ungeminderten Rang der Sexualität in den westlichen Kulturen, auf ihre Allgegenwart und die nicht bloß von Psychoanalytikern gehegte Erwartung, daß die Enthüllung von "König Sex" die Wahrheit über den Menschen an den Tag bringen werde. In der Geschichte der Sexualität markierte diese Umstellung einen Einschnitt. Sie erschloß einen Metatext, der die kulturkritischen Retter der Sexualität ebenfalls ins Bild rückte. Der moderne Streit um die "Macht über den Sex" erschien als Spielart eines generellen "Willens zum Wissen".

          Zweifellos gehört Robert Darnton zu den Lesern Foucaults. In seinem Begleitwort zu zwei pornographischen Romanen des achtzehnten Jahrhunderts bekräftigt der amerikanische Kulturhistoriker, dessen Forschungen zur aufklärerischen Publizistik auch hierzulande viel Beachtung gefunden haben, den Zusammenhang von Sexualität und Wahrheit. Freilich ist seine Argumentation mehr "historisch" als "philosophisch": Indem er das machttheoretische Begriffsgerüst zurückstellt, läßt Darnton die literarischen Ausdrucksformen der Sexualität als Präparate eines vielschichtigen Umfeldes hervortreten, deren Mehrdeutigkeit allein schon die theoretische Neugierde rechtfertigt. Seine These ist frappierend einfach und lautet: "Sex ist gut fürs Denken."

          Die für einen Historiker erstaunlich unumwundene Erklärung zitiert nahezu wörtlich die Literatur des "Enfer". "Hölle" - so hieß die in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts eingerichtete Abteilung der Bibliothèque Nationale, in der Erotika zusammengetragen und unter Verschluß gehalten wurden. Kurz vor Auflösung des Depots im Jahr 1980 wies Pascal Pia 1730 Einzeltitel nach, deren Anstößigkeit sich allerdings nach Darntons einleuchtender Vermutung keineswegs auf die detailfreudige Abschilderung kopulierender Körper beschränkte. Einige Repräsentanten dieser Literatur verstanden und rechtfertigten ihre Angriffe gegen die herrschende Moral als Propaganda für die Sache der Aufklärung. Schon eine Titelgebung wie "Thérèse philosophe" - das Werk gehört zu den Longsellern der Gattung - wirbt für die Einsicht, daß sexuelle Erfahrung zu wahrer Weltweisheit führe. Ihre erste Selbstbefriedigung, kann die Schwester des Dom Bougre versichern, sei die erste Erleuchtung ihres Geistes gewesen.

          Warum, fragt Thérèse weiter, sollte sie den Menschen nicht mannigfaltige Speisen vorsetzen, um verschiedene Gelüste mit Sinnlichkeit zu befriedigen? Warum sollte sie zu mißfallen fürchten, da sie doch Wahrheiten mitteilt, "die nur aufklären, ohne zu schaden"? Offensichtlich sind solche Äußerungen nicht bloß Vorwand. Man muß vor den Männerphantasien und den Vordergründigkeiten des Genres nicht kapitulieren, um zu erkennen, daß sich die materialistische Anthropologie, die satirische Kirchenkritik, die rückhaltlose Selbstentblößung und der drastische Sensualismus dieser Literatur mühelos den theoretischen und stilistischen Vorlieben einer Epoche einfügen, deren Spektrum auf die Exekution der reinen Vernunft keineswegs beschränkt blieb. 1748 erblickten eben nicht nur Montesquieus "L'esprit des lois", Humes "Enquiry concerning human understanding" und Klopstocks "Messias" das Licht der Welt, es erschienen auch "Fanny Hill" und "Thérèse philosophe".

          Ihr Ideenpotential war der Literatur des "Enfer" wichtig genug, um dafür ein besonderes Wort zu prägen: déniaiser - was soviel bedeutete wie: "die eigene Torheit durch sinnliche Erfahrung hinter sich lassen". Treffender als mit diesem Begriff, der sich Pornographen und Aufklärern gleichermaßen empfahl, läßt sich der historische Anspruch dieser erstaunlichen Liaison nicht zusammenfassen.

          Robert Darnton: "Denkende Wollust oder Die sexuelle Aufklärung der Aufklärung". Aus dem Englischen übersetzt von Jens Hagestedt. Jean-Charles Gervaise de Latouche: "Die Geschichte des Dom Bougre, Pförtner der Kartäuser". Jean-Baptiste D'Argens: "Thérèse philosophe oder Memoiren zu Ehren der Geschichte von Pater Dirrag und Mademoiselle Eradice". Aus dem Französischen übersetzt von Eva Moldenhauer. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1996. 345 S., geb., 48,- DM.

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