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Rezension: Sachbuch : In den Staub mit allen Feinden Bielefelds

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Mich dünkt, ich schlag Euch grün und blau, Herr Kollege: Hans-Ulrich Wehler verehrt die Frauen und verachtet Foucault

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          Seit jeher zeichnen sich Bielefelder Historiker durch betont agonales Denken und Argumentieren aus. Besonders im berühmten "Colloquium zur modernen Sozialgeschichte" hat sich seit den frühen siebziger Jahren ein Diskussionsstil herausgebildet, "der in der Regel - obwohl er von neuen Mitgliedern anfangs als harte Gangart empfunden wird - auf die Überzeugungskraft der ausgetauschten Argumente vertraut, unabhängig von Status, Alter und Geschlecht der Teilnehmer". Soweit der Bielefelder Turnierleiter Hans-Ulrich Wehler im Rückblick auf rund dreißig Jahre ruhmreiche Theoriehegemonie der Historischen Sozialwissenschaft in der Arena deutscher Historiographielandschaft. Doch jetzt fühlt man sich "herausgefordert" in Bielefeld von einer bislang eher nicht ganz ernst genommenen Rivalin, der Kulturgeschichtsschreibung. Und man fragt sich mit leichtem Beben in der Stimme: "Besitzt die anvisierte Historische Kulturwissenschaft, von kräftigen lebensweltlichen Impulsen unterstützt, die theoretisch wie methodisch größere Durchsetzungsfähigkeit?"

          Wer hier die schärferen Waffen trägt, schneidendere Argumente ins Feld führen kann, dies zu erkunden hat sich Ritter Wehler auf die Aventiure begeben. So manche Tjoste gilt es da auszufechten, wenn der Recke Foucault naht oder gar das ganze Heer der Kulturanthropologen; Zweckbündnisse auf Zeit werden da gerne geschlossen mit den Rittern Bourdieu und Weber, sogar die Allianz mit Freud und Erikson wird aus taktischen Überlegungen nicht ausgeschlagen. Dem Burgfräulein auf dem Söller werden Blumen dargebracht mit Sätzen wie: "Freud hat mein unerschütterliches Urteil bestätigt, daß Frauen im Vergleich mit Männern die ungleich komplexeren und interessanteren Lebewesen sind." Dem kann die Dame kaum widersprechen, und so schweigt sie geschmeichelt, auch wenn sie sich nicht ganz des Eindrucks erwehren kann, daß der Sieger des Turniers bereits vorher feststand: Das letzte Kapitel der Wehlerschen Essaysammlung, "Historische Sozialwissenschaft. Eine Zwischenbilanz nach dreißig Jahren" erinnert an eine Ehrenrunde, die der siegreiche Ritter, geschmückt mit den Theorietrophäen, die er den Gegnern abgejagt hat, dem staunenden Publikum darbietet: "Noch besitzt daher im Vergleich mit der ,neuen Kulturgeschichte' die Historische Sozialwissenschaft im Hinblick auf die vier Dimensionen der Bevölkerung, Wirtschaft, Sozialen Ungleichheit und Politik einen klaren Vorsprung, den sie nicht zu verlieren braucht. Gelänge es ihr, die unabweisbaren Impulse aus der kulturwissenschaftlichen Debatte flexibel aufzunehmen und in ihr theoretisch-methodisches Arsenal zu integrieren, könnte sie ihren Vorsprung weiter verteidigen", so tönt siegesgewiß der letzte Abschnitt, der schon in seiner Metaphorik ein ganzes Zeughaus von Waffen auffährt.

          Doch lassen wir die Turniere beiseite und folgen wir einem Abschnitt der Wehlerschen Quête im Detail. Über erstaunlich unfaire Invektiven stolpert der Leser eigentlich nur in dem umfangreichsten Kapitel des Buches, das sich mit dem augenscheinlichen Hauptgegner Wehlers, mit Foucault, befaßt. Da sich Wehler - in erneut diskurs-analytisch aufschlußreicher Wortwahl - der "eisernen Regel der Hermeneutik" unterworfen hat, muß er den "Kontrahenten so stark wie möglich präsentieren", auch wenn er gleich zu Eingang zugibt, seine Schwierigkeiten mit dem Franzosen zu haben. Wildes Denken ist eben in Bielefeld nicht gern gesehen. So ist das, was manch anderem Leser vielleicht ein Vergnügen wäre, für Wehler "eine rigorose Askese", der er sich vor der genußvollen Destruktion des Gegners unterworfen hat, nämlich die zweimalige Lektüre aller ins Deutsche übertragenen Schriften Foucaults.

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