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Rezension: Sachbuch : Im Würgegriff westlicher Weltlichkeit

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Bernard Lewis beschreibt Werden und Wandel des Orients / Von Wolfgang Günter Lerch

          Bernard Lewis, der Erzähler unter den zeitgenössischen Nahost-Historikern, bleibt auch in seinem jüngsten Werk seinem Ruf als blendender Fabulierer treu. Der mittlerweile über achtzig Jahre alte Gelehrte, Engländer von Geburt, doch seit 1974 nach zahlreichen Gastprofessuren in Europa und Amerika Princeton-Professor, hat mit "Stern, Kreuz und Halbmond. 2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens" ein Buch geschrieben, das neben Albert Houranis "Geschichte der Arabischen Völker" wohl lange Bestand haben wird.

          In Lewis' Augen ist die Geschichte des Nahen Ostens reich an Diskontinuitäten. Der Alte Orient ging verloren, wurde "buchstäblich begraben" und mußte von den Archäologen wieder entdeckt werden. Er ist die Geburtsstätte dreier Weltreligionen und zahlreicher Kulturen. Darin unterscheidet er sich von der homogenen indischen oder chinesischen Kultur.

          Der Autor beginnt - in der großen stilistischen Tradition britischer Gelehrter - anschaulich: mit der Schilderung eines orientalischen Kaffeehauses, einer Tschaikhane, dessen muslimische Gäste und Benutzer heutzutage an westlichen Tischen sitzen, amerikanische Zigaretten rauchen, im dort vorhandenen Fernseher amerikanische Filme anschauen, möglicherweise als Soldaten in einer Uniform, die ganz westlichen Vorbildern gleicht. Über der ganzen Szenerie hängt - trotz des islamischen "Bilderverbotes" - das Bild des jeweiligen Staatspräsidenten oder einer anderen wichtigen staatlichen Autorität.

          So sehr hat sich, dies ist die Botschaft dieser einleitenden Szenerie, der Orient in den letzten hundert Jahren gewandelt oder, um es rundheraus zu sagen: verwestlicht. Dagegen gibt es heute Widerstand, Besinnung auf das Eigene und Authentische, aber auch gefährliche Raserei gegen den Westen, der - wie Lewis hervorhebt - von Ajatollah Chomeini besonders in seiner amerikanischen Gestalt aus dessen Sicht ganz zu Recht als "Großer Satan" verleumdet worden ist: als Versucher eben, dessen Lockungen nur wenige in der Region widerstehen konnten.

          Von diesem Ausgangspunkt blickt der Geschichtsschreiber Lewis zurück. Es ist der synthetisierende Blick des großen Gelehrten, der die Summe seines Lebens zieht. Neben dem vorchristlichen Orient, den ein Islam-Fachmann verständlicherweise nur summarisch abhandeln kann, sind Christentum, Islam und Judentum in dieser Geschichte des Nahen Ostens aufeinander bezogen und miteinander verschränkt. Als Einführung bringt der Autor ein Kapitel mit der Überschrift "Vorgeschichte" über die Zeit vor der Zeitenwende. Er spricht von Rom und Griechenland, dem sassanichischen Persien, um dann zur Religion des arabischen Propheten, zum Islam, überzuleiten.

          Freunde ständig wiederholter westlicher Selbstanklagen - auch dafür ist Lewis bekannt - werden in diesem mehr als ein halbes Tausend Seiten umfassenden Werk nicht auf ihre Kosten kommen. Lewis war und ist der Antipode jenes - gleichfalls in Amerika lehrenden - Professors Edward W. Said, der die gesamte westliche Orientalistik des "Orientalismus" für schuldig befunden hat, das heißt der durch den Kolonialismus begründeten ideologischen "Aufbereitung des Orientalen und des Orients" zu westlichen, natürlich durch und durch obskuren Zwecken.

          Lewis schildert die Geschichte des Orients seit Christi Wirken differenzierter und komplexer, vor allem ohne ständig erhobenen moralischen Zeigefinger gegenüber der eigenen Zivilisation. Er schreibt Geschichte als Auf und Ab, als Aktion und Reaktion, als genutzte und verspielte Chance, als Wechsel von Neugier und blasiertem Überlegenheitsgefühl etwa der muslimischen Welt; Geschichte auch als abhängig von gewissen Rohstoffen und Waren oder von Handelswegen und Schiffahrtsrouten. Dazu Einbrüche, Umbrüche und Abbrüche, die das Bild der umfassenden historischen Ereignisse im Nahen Osten ebenso bestimmen wie das jeweilige Kalkül und die Ziele von Herrschern oder Staaten.

          So erzählt Lewis über den Propheten Muhammad und die Anfänge des Islams, über den Aufstieg der Omaijaden und Abbasiden, über den Einbruch der Mongolen und anderer Steppenvölker, über die Mameluken und die "Schießpulverimperien" der osmanischen Türken und der Safawiden in Iran.

          In einem "Querschnitte" überschriebenen Mittelteil treibt Lewis Kultur- und Sozialgeschichte, klärt über das Werden des Islamischen Staates auf, über die Wirtschaft, über die Eliten, über das Leben des gemeinen Volkes und über die Religion, die zur Gesetzesreligion wurde, unter deren Decke es freilich immer brodelte. Lewis handelt auch von den Minderheiten, von der Behandlung der Frauen wie der Sklaven (denen er vor Jahrzehnten schon ein eigenes Werk gewidmet hatte). So entsteht ein facettenreiches Bild des Islam, das kaum einen Aspekt dieser großen Weltzivilisation ausläßt.

          Im dritten Teil behandelt der Autor die Herausforderung des Islam durch den Westen als Prozeß, der sich maßgeblich im Schicksal des sechs Jahrhunderte währenden Reiches der Osmanen spiegelte. Dabei erscheint der allmähliche Zerfall der orientalischen Welt begleitet von Schüben der Modernisierung, die mit Napoleons Expedition nach Ägypten einsetzten.

          Für Lewis sind es weniger die Kolonialmächte, die diese Modernisierung betrieben, sondern die einheimischen muslimischen Eliten, die hofften, den Abstand zum mächtig aufstrebenden Westen durch Reformen verringern zu können, zuerst auf militärischem Felde, dann wirtschaftlich und kulturell. Diese Reformen sind mit allen ihren Folgen tatsächlich eine Versuchung mit ungewissem Ausgang. Ihr Ende kennt niemand. Man läßt die Muslime heute weitgehend in Ruhe, auf daß sie den Kampf um die Richtung ihrer künftigen Entwicklung unter sich austragen sollen.

          Bernard Lewis: "Stern, Kreuz und Halbmond". 2000 Jahre Geschichte des Nahen Ostens. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Piper Verlag, München, Zürich 1997. 520 S., Abb., geb., 78,- DM.

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