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Rezension: Sachbuch : Im Fleischwolf verdreht

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Ein Spiel aus Zufall und Notwendigkeit: Als im November 1964 die Beatles ihre Single "I Feel Fine" veröffentlichten, verblüffte vor allem der Anfang. Während Paul McCartney auf seinem Höfner-Violin-Baß ein tiefes A anschlug, produzierte John Lennons Gitarre eine Rückkoppelung, weil sein Tonabnehmer Richtung Verstärker zeigte und er dabei die Lautstärke voll aufdrehte.

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          Ein Spiel aus Zufall und Notwendigkeit: Als im November 1964 die Beatles ihre Single "I Feel Fine" veröffentlichten, verblüffte vor allem der Anfang. Während Paul McCartney auf seinem Höfner-Violin-Baß ein tiefes A anschlug, produzierte John Lennons Gitarre eine Rückkoppelung, weil sein Tonabnehmer Richtung Verstärker zeigte und er dabei die Lautstärke voll aufdrehte. Es war das erste Aufnahmeexperiment der Gruppe, das seinen Weg an die Spitze der Hitparaden fand. Lange vor den Feedback-Experimenten von Jimi Hendrix, Jeff Beck oder The Who wurde hier der Rückkoppelungseffekt genutzt.

          Den Beatles gefiel der anschwellende Heulton so gut, daß sie ihn auf der Aufnahme ließen. Der damals im Studio anwesende Toningenieur Geoff Emerick hat behauptet, daß dieses Feedback zufällig entstanden sei. Dagegen hat der Produzent George Martin immer wieder betont, Lennon habe es absichtlich erzeugt. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit in der Mitte. Unstrittig ist jedoch, daß in dieser Studio-Episode ein beiläufiger technischer Vorgang plötzlich in eine ästhetische Qualität von unerhörter Folgewirkung umschlägt.

          Diese und hundert ähnliche Episoden finden sich in dem Buch "Der Beatles Sound". Der amerikanische Autor und Musiker Andy Babiuk hat sechs Jahre lang recherchiert, um die Ausrüstung der Beatles, ihre Instrumente und Verstärker in einem opulenten Bildband zu dokumentieren. Der Keim liegt im Jahrzehnt zuvor: Gegen den Willen seiner Ersatzmutter "Tante Mimi" bestellte sich der fünfzehnjährige Lennon auf eine Zeitungsannonce hin 1955 die schwarz-braune Akustikgitarre "Gallotone Champion". Vor allem der auf dem Instrument aufgedruckte Vermerk "Geht garantiert nicht kaputt" hatte es ihm angetan: "Zunächst spielte ich die Gitarre wie ein Banjo, die sechste Saite war eigentlich überflüssig, und ich ließ sie so herumschlabbern. Ich wollte nur Akkorde schrubben, um ein paar Songs zu begleiten." Mit diesem Banjo-Stil prägte er den Sound seiner ersten Band The Quarry Men, in die dann auch Paul McCartney und George Harrison einstiegen.

          Es war ein weiter Weg von der billigen Ausrüstung dieser Skiffle-Gruppe mit Teekisten-Baß und Waschbrett bis zum State-Of-The-Art-Equipment der Beatles in deren Trennungsjahr 1970. Damals konnten sich die Fab Four ungeniert in den Entwicklungsabteilungen der großen Gitarrenfirmen wie Fender, Gibson und Gretsch bedienen. Neu entwickelte Effektgeräte wie Verzerrer oder Wah-Wah-Pedal wurden ihnen zuerst als Prototypen zur Verfügung gestellt. Zu diesem Service zählte auch die Ausrüstung mit gerade erst erfundenen Tasteninstrumenten wie dem Fender Rhodes Piano oder dem Moog-Syntheziser. Beide elektronische Keyboard-Varianten prägten das Sounddesign von "Abbey Road".

          Zwei Firmen beeinflußten den Klangcharakter der Beatles-Songs nachhaltig. Es waren zum einen die Gitarren der amerikanischen Marke Rickenbacker und zum anderen die Verstärker der englischen Marke Vox. Im Juni 1962 - die sogenannten Moptops aus Liverpool hatten gerade ihre erste Aufnahmesession mit George Martin in den Abbey-Road-Studios hinter sich - handelte ihr Manager Brian Epstein einen cleveren Deal mit der in Dartford ansässigen Verstärkerfirma aus: Das Unternehmen sollte in Zukunft die Beatles immer mit ihren neuesten Modellen und Prototypen ausstatten und im Gegenzug kostenlos mit ihnen werben dürfen.

          Zunächst war der Vox-Eigentümer Tom Jennings noch rüde über Epsteins Ansinnen hergezogen: "Was zum Teufel glaubt er, was wir sind - ein Haufen Menschenfreunde?" Doch schließlich ging er auf den Handel ein, und John und George kamen zu ihren ersten Vox-AC-30-Röhrenverstärkern, die damals Maßstäbe in bezug auf Durchsetzungsfähigkeit und Sauberkeit des Klangs setzten. Paul mußte sich noch mit einer selbstgebauten Coffin-Box behelfen, die in Größe und Aussehen wirklich einem Sarg ähnelte. Ringo blieb bis zur Auflösung der Band der Firma Ludwig treu. Dieses von den deutschen Emigranten Wilhelm und Theobald Ludwig in Chicago gegründete Unternehmen produzierte schon Anfang der Sechziger Drum-Sets, die durch ihren lauten und brillanten Sound die aufbrechende Beat-Begeisterung perfekt unterstützten.

          Nicht zuletzt die Qualität der Fotos ist es, die das Buch von Babiuk in den Rang eines Kunstbandes erhebt. Selten wurde die unverhohlene Material-Erotik der klassischen Gitarren und Bässe sinnlicher ausgestellt als hier. Dabei hütet der Autor sich, im Dickicht der Detailinformationen über Typenbezeichnungen und Modellnummern den musikalischen Entwicklungsgang der Beatles aus dem Blick zu verlieren. Ständig ergeben sich überraschende Wechselwirkungen zwischen einer bestimmten Instrumentierung und der ästhetischen Inszenierung.

          Während Mark Lewisohn vor vierzehn Jahren mit seiner Studie "The Complete Beatles Recording Sessions" das Standardwerk über die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Liedes vorgelegt hat, schließt Andy Babiuk jetzt eine letzte Lücke. Oder wie Lewisohn im Vorwort formuliert: "Das Ergebnis ist ein Buch über einen kleinen, sehr speziellen Bereich, das aber einen größeren Überblick über die Wirkung der Beatles ermöglicht, über eine Kombination von Überheblichkeit, einer Portion Dreistigkeit und musikalischem Genie, die wohl einmalig in der modernen Geschichte ist."

          Andy Babiuk: "Der Beatles Sound". Die Fab Four und ihre Instrumente - auf der Bühne und im Studio. PPV Presse Project Verlags GmbH, Bergkirchen 2002. 256 S., Farb-Abb., geb., 50,- [Euro].

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