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Rezension: Sachbuch : Im Flammenmeer zur Ewigkeit

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Der Versuch, in Europa und den Vereinigten Staaten die Feuerbestattung einzuführen und so den Umgang mit dem Leichnam zu technisieren, war von gesellschaftlichen und religiösen Widerständen begleitet. Ihre Befürworter brachten sanitäre, ökonomische, ökologische und ästhetische Gesichtspunkte ins Spiel.

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          Der Versuch, in Europa und den Vereinigten Staaten die Feuerbestattung einzuführen und so den Umgang mit dem Leichnam zu technisieren, war von gesellschaftlichen und religiösen Widerständen begleitet. Ihre Befürworter brachten sanitäre, ökonomische, ökologische und ästhetische Gesichtspunkte ins Spiel. Entgegen der Kritik der Kirche, die in ihr eine rein weltliche Übung vermutete, sieht Stephen Prothero in seiner kulturgeschichtlichen Studie die Geschichte der Kremation als "spirituell beladen" an. Die Ursprünge der Feuerbestattung reichen zurück bis in die Antike. Schon die alten Inder, Römer und Griechen praktizierten die Feuerbestattung. Das Feuer, glaubten die Griechen, trenne die reine Seele vom unsauberen Körper. Die frühen Christen ersetzten die heidnische Verbrennungspraxis durch die jüdische Tradition des Erdbegräbnisses.

          Die Geschichte der modernen Feuerbestattung setzt in Europa und Amerika im späten neunzehnten Jahrhundert im Anschluß an die Hygienebewegung ein. Sie sah im Friedhof wegen der dort verwesenden organischen Materie eine Keimzelle von Krankheiten und Epidemien. 1869 forderte ein internationaler medizinischer Kongreß in Florenz die Einführung der Kremation "im Namen der öffentlichen Gesundheit und Zivilisation". Von England aus gelangte die Feuerbestattungsbewegung nach Amerika. Ärzte, Rechtsanwälte, liberale Protestanten, Freimaurer, Theosophen und Anhänger fernöstlicher Religionen formierten sich zu Kremationsgesellschaften. Die gebildete Mittelschicht erhob die Bestattungsform zur Stilfrage.

          Die wenig professionelle und vielpublizierte Premiere fand schließlich 1876 mit der Einäscherung eines Barons in Pennsylvania statt. Besonders die katholische Kirche äußerte theologische, rituelle und liturgische Vorbehalte, lief doch der Akt der Verbrennung dem Gedanken der "ewigen Ruhe" zuwider. Die Feuerbestattung wurde als ein Angriff auf die Korpussymbolik, die Einrichtung des "Gottesackers" und die Doktrin der Auferstehung gesehen und 1886 vom Vatikan verboten.

          Während konventionelle christliche Vorstellungen das Feuer mit Strafe und Stigma assoziierten, sprachen die Befürworter der Feuerbestattung in den Metaphern von Sonne, Wärme und Licht. In ihrer Rhetorik war viel von Reinheit ("purity") die Rede. Der Begriff umfaßte dabei sowohl theologische als auch sanitäre Aspekte. In Umkehr der katholischen Rhetorik nannten die Krematisten das Begräbnis materialistisch und die Feuerbestattung, die den Fokus der Trauerarbeit auf die Seele legte, spirituell. Ironischerweise betteten sie aber ihre Neuerung, wie bei der Urnenbestattung, in traditionelle Erzählungen vom Begrabenwerden ein.

          In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stellt Prothero eine schleichende Kommerzialisierung der als Sozialreform gestarteten Bewegung fest. Der Durchbruch der Feuerbestattung, deren Anteil zur Jahrhundertmitte bei knapp vier Prozent stagnierte, kam 1963. In diesem Jahr hob Papst Paul VI. das Verbotsedikt auf, und Jessica Mitford veröffentlichte "The American Way of Death", eine aufsehenerregende Konsumkritik am "barocken Wunderland" des Begräbnisses. Das Ausprobieren spiritueller Alternativen und ökologischer Lebensentwürfe in den sechziger und siebziger Jahren führte auch zur Auflockerung von festgefahrenen Bestattungsformen.

          Die Privatisierung der Riten nimmt heute sonderbare Formen an. Das Buch berichtet von biologisch abbaubaren Urnen, von Urnen in Gestalt von Golftaschen oder gar von der Praxis, die Asche im Weltraum zu zerstreuen. Mittlerweile wählt ein Viertel der Amerikaner den Weg der Feuerbestattung. In der auf individuelle Serviceleistungen zugeschnittenen modernen Trauerindustrie bemerkt der Autor paradoxerweise eine historische Rückeroberung der Autorität der Familie über die Riten.

          STEFFEN GNAM.

          Stephen Prothero: "Purified by Fire". A History of Cremation in America. University of California Press, Berkeley 2001. 266 S., Abb., geb., 27,50 Dollar.

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