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Rezension: Sachbuch : Im Ertragen stark

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Begrenztes Zeitbudget

Vielleicht waren solche Versehen bei der knapp bemessenen Entstehungszeit nicht zu vermeiden. Gewichtiger scheint die Frage, ob vom Martyrium im ursprünglichen, engeren Wortsinn nicht nur dann gesprochen werden sollte, wenn jemand nachweisbar wegen seines Glaubens und seines sich hieraus erklärenden Handelns Verfolgung und Tod erlitten hat. Diese Voraussetzung kann, muss aber nicht zwingend bei Mitgliedern einer politischen Widerstandsbewegung wie der im "Dritten Reich" vorgelegen haben. Deren individuelle Motivlage wäre ebenso zu prüfen wie die jeweilige Stoßrichtung der Verfolgungsinstanzen. Wieder anders liegen die Dinge bei der Verfolgung aus rassischen Gründen wie im Falle Edith Steins oder ihrer Schwester Rosa und nochmals anders beim Schicksal der Russlanddeutschen, wo sich der Argwohn gegen eine ethnische Volksgruppe mit Religionsverfolgung auf schwer unterscheidbare Weise verband.

Der Herausgeber umgeht solche Fragen, indem er sie gar nicht erst stellt und sich, wie gezeigt, eines deutlich weiteren Opferbegriffs bedient, der dergleichen Fallstricke nicht bereithält. Ganz ohne (historische) Begründungsversuche geht es indessen nicht ab. So äußert Moll im Falle der nationalsozialistischen Gegnerbekämpfung die unzutreffende Vermutung, "dass etwa die wahren Verhaftungsgründe in den offiziellen Anklagen entweder gar nicht genannt oder aber nur in allgemeinen Formulierungen wie ,Wehrkraftzersetzung', ,Feindbegünstigung' und dgl. angedeutet werden". Und wie beispielsweise der Sexualmord an einer zwölfjährigen Schülerin oder die Vergewaltigung und Ermordung oberschlesischer Nonnen am Ende des Zweiten Weltkrieges theologisch überhöht werden, um ihre Fälle für das genannte Kategoriensystem gleichsam passförmig zu machen, ist aus historischer Sicht kaum nachvollziehbar.

Man muss daran erinnern, dass sich nicht wenige der Opfer gerade während des "Dritten Reiches" von der Kirche sehr allein gelassen gefühlt haben. In Einzelfällen ließe sich sogar darüber streiten, ob Opfer wirklich kurzerhand auf der Habenseite eines "Katholischen Martyrologiums" verbucht werden können.

Wie bei einem Sammelwerk dieses Umfangs nicht anders zu erwarten, fallen die einzelnen biografischen Beiträge unterschiedlich aus. Sie sind abhängig von den zur Verfügung stehenden Quellen, dem Stand der Vorarbeiten, der Eigenart des Falles, der Bedeutung der behandelten Person und natürlich vom jeweiligen Autor. So stehen glänzend gelungene Porträts neben redlichen Bemühungen, aber auch solchen Texten, die eher dem Genre hagiografischer Erbauungsliteratur zuzurechnen sind. Als nützlich erweist sich, dass der Herausgeber einen (weithin) einheitlichen Aufbau mit knappen Lebensdaten, Foto, biografischem Abriss und einem Quellen- und Literaturanhang vorgegeben hat, der dem einschlägig Interessierten vertiefende Nachfragen ermöglicht. Dies dürfte vor allem auch dem zentralen Ziel des Martyrologiums, die Erinnerung an die dargestellten Personen und ihre Schicksale wach zu halten und für den Weg der Kirche ins nächste Jahrtausend fruchtbar zu machen, entgegenkommen. Wie der Verkaufserfolg zeigt, stößt dieses Anliegen auf breite Resonanz.

ULRICH VON HEHL

"Zeugen für Christus". Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts. Hrsg. von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz. Zwei Bände. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 1999. LIV, 1308 S., Abb., geb., 98,- DM.

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