https://www.faz.net/-gqz-6ppx6

Rezension: Sachbuch : Ideologie der Heißwasserleitung

  • Aktualisiert am

Ein intelligentes Haus, das uns da umsorgt: Andreas Vetter schreibt gründlich, aber unbefreit über befreites Wohnen

          3 Min.

          Dieses architekturgeschichtliche Buch hält uns den Spiegel vor: In ihm erkennen wir klar die Errungenschaften und Eitelkeiten der eigenen Zeit, wie sie sich im Bauen und Wohnen manifestieren. Andreas K. Vetter hat ein Werk verfaßt über die "Befreiung des Wohnens" , über jene Bestrebungen in Theorie und Praxis der Architektur der zwanziger und dreißiger Jahre also, die auf eine befreiende Veränderung des Menschen mittels einer neuen Definition dessen zielten, was "Haus", was "Wohnen" bedeutet. Mit Erstaunen liest man, es handele sich bei diesem informativen und umfangreichen Werk um die um die Hälfte gekürzte Dissertation des Verfassers. Es gibt nichts, was man vermißt; die Straffung dürfte dem Buch gut bekommen sein. Vetter geht sein Thema auf die denkbar vielseitigste Weise an und behandelt es, auch wenn er vorgibt, auf beengtem Raum nur "oberflächlich" argumentieren zu können, im Ganzen doch sehr gründlich.

          Was "befreites Wohnen" ist, hat Sigfried Giedion 1929 in einer gleichnamigen Schrift mit den Schlagworten "Licht", "Luft", "Bewegung" und "Öffnung" benannt. Vetter nimmt sich diese Schrift zum Ausgangspunkt und erläutert die Bedeutungsvielfalt der Kernbegriffe, sowohl was ihren weltanschaulichen Hintergrund, als auch was die bauliche Umsetzung betrifft.

          Für das "neue Haus" wurden viele Bilder gefunden; Mies van der Rohe bezeichnete es als Haut- und Knochenbau, Siegfried Ebeling schrieb über den "Raum als Membran". Immer ging es um die Befreiung aus dem von vier Wänden und Dach gebildeten Gehäuse. Die Öffnung des Hauses durch Fenster anstelle von Außenmauern definierte das, was "außen" und "innen" ist, neu. Die Innenwände erfuhren eine Neubewertung als auf durchgehendem Boden stehende Scheiben (Mies van der Rohe) oder als faltbare, verschiebbare, versenkbare Möglichkeiten der Raumtrennung. Das Aufbrechen des Baukörpers - Flächen ohne Grenze, Volumen ohne Geschlossenheit - sollte auch den Menschen befreien. Befreiung konnte in praktischer Hinsicht vieles bedeuten: Freiheit zu körperlicher Ertüchtigung im Freien, Mobilität durch Auto (Garage) und Flugzeug (Flachdach), Freiheit von Zwängen des täglichen Lebens durch die Nutzung von Strom, Heißwasser, Zentralheizung und Klimaanlage.

          Das "intelligente Haus", das heute mittels Computersteuerung sozusagen von selbst funktionieren und seine Bewohner einerseits umsorgen, andererseits in Frieden lassen soll, gab es auf seine Weise schon in den Zwanzigern; Hermann Muthesius verglich die Wasserrohre und Elektroleitungen mit den Arterien und Venen des menschlichen Organismus. Es ging also um eine Befreiung nach außen (aus dem Gehäuse heraus), aber auch um eine Befreiung vom Außen (durch Beseitigung jeglicher Abhängigkeit von der Umwelt mit ihrem wechselhaften Klima und ihrem Schmutz). "Befreiung" bedeutete zudem Emanzipation der Architekten von den Zwängen des traditionellen Formenkanons: Häuser erhielten narrative Elemente, sahen aus wie Dampfer oder erinnerten an Zugwaggons.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.