https://www.faz.net/-gqz-6q7vd

Rezension: Sachbuch : Ich weiß nicht, was soll ich bedeuten

  • Aktualisiert am

Hätte Georg Simmel, den Joas hier zitiert, statt von "Einstellung" von "Einreihung" gesprochen, träte ein Problem hervor, um das der Text einen Bogen macht. Denn auch die Einreihung des Nationalisten in die höhere Ordnung des Chauvinismus dokumentiert Wertbezüge. Auch der Rassist unterhält "Bindungen" - und nicht zu knapp. Religiös ist auch, wer fluchen kann. Einem Wert folgt auch, wer Banken überfällt. Joas' Beispiele für Wertempfinden lassen hingegen vermuten, daß der Autor Werte selbst für etwa sozial Integratives hält. Im Stil der amerikanischen Pragmatisten, deren Position seine Sympathien gelten, treten als moralisch gehaltvolle Orientierungen zumeist Sachverhalte wie Toleranz, Liebe oder Mitleid in den Blick. Intersubjektivität und Kommunikation gelten als wertvoll - so als ob man zu jedem "anderen" am liebsten "du" sagen möchte. Nur die symbolische, vereinigende Kraft der Werte, nicht ihre Diabolik wird erörtert. Hier wünscht man sich eine Moraltheorie, die Gutes und Ungutes mit denselben Begriffen behandeln kann.

Joas läßt die Gelegenheit dazu seltsamerweise auch dort verstreichen, wo er sich mit Simmels Schriften zum Krieg befaßt. Zwar hält er den "wertbildenden Charakter" der Opferbereitschaft des "pro patria mori" fest. Doch führt das nicht zur Einsicht, daß Werte insgesamt Kriterien des Opferns sind. Wenn im Horizont widerstreitender Erwartungen gehandelt werden muß, erfüllen sie ihre Funktion, indem sie manche Handlungsfolgen auf-, andere abwerten. Werte sind Kriterien der Inkaufnahme. Ist Freiheit der höchste Wert, mag man revolutionäre Gewalt in Kauf nehmen. Für den Dandy hingegen, für den es Freizeit ist, gehen beim Sozialismus einfach zu viele Wochenenden drauf (Oscar Wilde).

Aus diesem Grund überzeugt es auch nicht, wenn die Sphäre der Werte als Bereich der "Selbsttranszendierung" im Kontrast zu den der Moderne zugeschriebenen Sphären instrumenteller Rationalität und kühler Kalkulationen dargestellt wird. Wie sollte denn ausgerechnet das zweckrationale Handeln auf Werte verzichten können? Joas kauft sich diese Unterscheidung von wertvollem und kalkulatorischem Handeln, indem er ersteres auf moralischen Gefühlen gründen läßt. Aber nicht nur zu Emotionen fähige Personen, sondern auch Organisationen handeln nach Maßgabe von Werten - zum Beispiel denen des Profits oder der Rechtssicherheit. Auch Bürokratien können sich ohne Wertbezug nicht selbst beschreiben.

Während solche soziologischen Schwächen des Buches sich vielleicht seiner starken Anlehnung an philosophische Denkgewohnheiten verdanken, dürfte ein letztes Problem eher aus einer Unterschätzung der Tradition hervorgehen. Joas' wichtigste Evidenz ist es, daß Personen sich gerade an der Erfahrung von etwas ihnen Entzogenem bilden. Wer sich nicht als Ich erzählt, das seiner selbst nicht mächtig ist, verflacht. Bereits hierin kann man eine ins Philosophische transponierte Kritik der "superbia", des Hochmuts, erkennen, die als schwerste aller Todsünden von der theologischen Überlieferung lange nicht bezweifelt worden ist. Wenn Joas dann den Schluß zieht, Werte entstünden auf der Suche des Ich nach seinem wahren Selbst als einer moralisch empfindenden Instanz, darf man sich wundern, daß im gesamten Text der Begriff des "Gewissens" nur ein einziges Mal auftaucht.

Nichts anderes nämlich als der Versuch einer pragmatistischen Gewissenslehre liegt hier vor. Der gesamte Aufwand an "starken" und "schwachen" Argumenten, Begründungsfinessen und Rekonstruktionen von Klassikern scheint sich so auch einem Umgehungsversuch zu verdanken. Dem Versuch nämlich, über das Böse und Gute, Schuld und Strafe, Sünde und Entsühnung unter Vermeidung all derjenigen Vokabulare zu sprechen, die hier jahrhundertelang einschlägig waren. Dabei erscheint nicht einmal der Verzicht auf alte Begriffe als solcher bedauerlich. Sie mögen heute stark renovierungsbedürftig erscheinen. Aber gerade ihr Zumutungsreichtum, den heute niemand übernehmen will, wäre dem Thema angemessen. Jede jesuitische Kasuistik des siebzehnten Jahrhunderts enthält, heute gelesen, mehr Sinn für die Paradoxien der Moral als die kommunitaristischen Wunschlisten, die gegenwärtig das Feld beherrschen.

Joas hat mit seinem Einsatz bei der Frage nach der Religion einen Schritt weg von eingefahrenen Pfaden der Moraltheorie gemacht. Am Ende aber hat er doch eher ein Buch geschrieben, das sich mit der Gegenwart, ihren Werten und Denkgewohnheiten aussöhnt, als eines, das sie intellektuell zu provozieren vermöchte. Mit den Werten, so scheint es, ist es gegenwärtig harmlos bestellt. JÜRGEN KAUBE

Hans Joas: "Die Entstehung der Werte". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 321 S., geb., 48,- DM.

Weitere Themen

Gespräche über Ukraine ohne Ergebnisse Video-Seite öffnen

USA und Russland : Gespräche über Ukraine ohne Ergebnisse

Keine Verhandlungen sondern ein Austausch von Positionen lautet das Fazit des US-Außenministers Blinken. Er und sein russischer Amtskollege Lawrow trafen sich in Genf, um dort vor allem über die Situation der Ukraine zu diskutieren.

Topmeldungen