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Rezension: Sachbuch : Ich laufe schon mal voraus

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Zwischen Chaos und Kosmos: Neues von Wolfgang Borchert

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          Er vereinigte alles, woraus sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Inbegriff des jungen Kriegs- und Nachkriegsdichters bilden konnte. Er war das Opfer ruinösen Frontdienstes und nationalsozialistischer Unrechtsjustiz, ihm blieben nur ein paar Jahre eruptiven Schaffens, er rang seine Dichtung einem fiebergeschüttelten Körper ab und starb im Alter von nur sechsundzwanzig Jahren. Wolfgang Borchert tritt in die deutsche Literatur ein wie ein Meteor, leuchtet auf und erlischt wieder - darin Georg Büchner vergleichbar. Und nicht von ungefähr hat man in Borcherts Figur des Unteroffiziers Beckmann ein zeitgenössisches Seitenstück zu Woyzeck sehen wollen.

          Dies ist die kurze Berufs- und die lange Leidensgeschichte Borcherts: Buchhandelslehre in Hamburg, Schauspielunterricht und ein paar Monate Landes- und Wanderbühne, seit Oktober 1941 an der Ostfront, erkrankt und verwundet, wegen Äußerungen "gegen Staat und Partei" zweimal zu Gefängnis und Frontbewährung verurteilt, im Mai 1945 Rückkehr nach Hamburg, infolge kriegsbedingter chronischer Leberleiden ständig auf dem Krankenlager, während der Fahrt in ein Sanatorium im schweizerischen Tessin Zusammenbruch, Tod am 20. November 1947 in einem Basler Spital; am Tag darauf in den Hamburger Kammerspielen Uraufführung des Stücks "Draußen vor der Tür", das schon als Hörspiel im Radio gesendet worden war. Dieser biographische Abschnitt zwischen 1939 und 1947 ist der Zeit- und Bezugsrahmen des Briefwechsels (in Auswahl), den jetzt Gordon J. A. Burgess und Michael Töteberg herausgegeben und kommentiert haben. Unter den Briefpartnern sind außer den Eltern Freunde, Redakteure und Lektoren, der Anwalt Carl Hager, der ihn in den Prozessen wegen "Wehrkraftzersetzung" verteidigte, der Verleger Henry Goverts, der den Schweizer Sanatoriumsaufenthalt in die Wege leitete, obwohl Borcherts Schriften von Rowohlt verlegt wurden, der Literaturwissenschaftler Karl Ludwig Schneider, Gustaf Gründgens' Dramaturg Rolf Badenhausen, der Maler Emil Nolde und der aus dem Exil zurückgekehrte Schriftsteller Carl Zuckmayer, der nach der "erschütternden" Lektüre des Borchertschen Stückes und des Erzählungsbandes "Die Hundeblume" mit seiner rückhaltlosen Anerkennung den frischen Ruhm des jungen Autors absegnete.

          An der Quelle sitzt der Buchhandels-Eleve, der vor allem ein Lyriker werden will und die Vorgänger mustert. Er verbeugt sich vor Hölderlin, Rilke und Trakl, huldvoll gelten läßt er Rudolf Alexander Schröder und den verbotenen Gottfried Benn, einen Fußtritt bekommen Stefan George und Hofmannsthal: "senile, schöneworteredende, . . . geschwollene Süßholzraspler!!!" Seinerseits nicht ohne Geschwollenheit verkündet er, "Expressionist" zu sein, der "Wirkliches durch Seelisches, Ideenhaftes ersetzen", aus "Chaos" einen "Kosmos" bilden will. Als Borchert dem Chaos wirklich begegnet, verschwindet der missionarische Ton. Im Lazarett von Smolensk fühlt er sich "wie eine Schnecke", die nur noch "ihre Fühler in die Welt hinausstreckt". Erst nach dem Krieg bricht die mächtige "Expression" hervor, aber nun in der Klage um den heillos zerstörten "Kosmos".

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