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Rezension: Sachbuch : Ich habe einen neuen Sprengstoff entdeckt

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Pierre Boulez will sich seine Bombe nicht selber basteln, sondern braucht die Reibungshitze der Rezeption / Von Julia Spinola

          5 Min.

          Ich war damals lediglich ein Zaungast, festgehalten durch Zuneigung, eine gewisse Verstörtheit, Neugier und das seltsame Gefühl, einer Entwicklung beizuwohnen, der ich kaum folgen konnte." So erinnerte sich Michel Foucault an seine ersten Begegnungen mit Pierre Boulez. Er hatte es als Privileg empfunden, sich der rätselhaften Kunst über persönliche Freundschaften nähern zu können, auch mit dem immer noch zu sehr als Geheimtip geltenden Serialisten Jean Barraqué, für dessen Nietzsche-Kantate "Séquence" (1950 bis 1955) Foucault den Text besorgt hatte. Auch die Fremdheit des Gegenstands sah er als Chance: "Die Musik war nämlich damals von den Diskursen, die außerhalb geführt wurden, im Stich gelassen worden. Das Schweigen aber gewährte der Musik Schutz und wahrte ihr Ungestüm" - ein "Ungestüm" freilich, dessen subversive Kraft sich im Bereich der Formen geltend macht.

          Und gerade dies schien dem Philosophen entscheidend: "Man glaubt gern, eine Kultur hänge mehr an ihren Werten als an ihren Formen; diese könnten leicht verändert werden; allein der Sinn sei tief verwurzelt", heißt es weiter in Foucaults Artikel "Pierre Boulez, ou L'Écran traversée" (Pierre Boulez oder Die durchschrittene Trennwand), der sieben Jahre nach seiner Veröffentlichung im "Nouvel Observateur" als "postumes Vorwort" in die 1989 erschienene Originalausgabe der "Leitlinien" ("Jalons - pour une décennie") aufgenommen wurde. "Dabei wird verkannt, daß man stärker an der Art und Weise des Sehens, Sprechens, Handelns und Denkens hängt als an dem, was man sieht, was man denkt, sagt oder tut."

          Als 1976 mit Pierre Boulez zum ersten Mal in der Geschichte des Collège de France ein Musiker an diesen traditionsreichen Ort des Geistes und der Wissenschaft berufen wurde, geschah das auf Initiative von Michel Foucault, der jenen "ersten großen kulturellen Choc", den er durch die Begegnung mit der seriellen Musik erfahren hatte, nachhaltig ernst genommen hat. Ähnlich ernst vielleicht wie Boulez jene höchst kreativen "Detonationen", von denen er sagt, daß sie durch "kurze, blitzartige, intuitive" Analyse eines fremden Werks ausgelöst werden können: wenn zwei Imaginationswelten aufeinanderprallen und der Betrachter auf das "Unausweichliche" an einer Komposition stößt; wenn er feststellt, "daß es nach bestimmten Werken absolut unmöglich ist, weiterzuschreiben wie vorher", und einsieht, "daß diese Werke einen nicht nur berühren können wie persönliche Schocks, sondern wie wahrhaft geologische Kataklysmen, welche die Art des Musikdenkens völlig verändert haben".

          Bis zu seinem siebzigsten Geburtstag 1995 war Boulez Honorarprofessor am Collège de France. Die Essenz von zehn Jahren seiner Lehrtätigkeit kann man nun auch auf deutsch studieren: an konzentrierten Darstellungen der zwischen 1978 und 1988 behandelten Themen. Boulez lag nicht daran, Vorlesungsprotokolle zu veröffentlichen. Es ging ihm um Verdichtung und theoretische Verallgemeinerung. Was das Vorwort des Übersetzers verschweigt: Nicht sämtliche Texte der von Jean-Jacques Nattiez besorgten französischen Erstausgabe wurden aufgenommen. Das Kapitel "L'in(dé)fini et l'instant" ("Das Unendliche und der Augenblick"), das sich mit den Auswirkungen des Computers auf die kompositorische Wahrnehmung beschäftigt, fehlt; ebenso das kurze Schlußkapitel "La vestale et le voleur de feu" ("Die Vestalin und der Dieb des Feuers"), das seinerzeit einen Vorausblick auf die Vorlesung von 1989 gewährte. Auch innerhalb der Kapitel wurde vereinzelt gekürzt. Alle diese Entscheidungen sind vertretbar. Nicht einzusehen ist allerdings, warum die deutsche Ausgabe jeden Hinweis auf diese Abweichungen vermissen läßt.

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