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Rezension: Sachbuch : Ich forsche nur in den Zwischenräumen

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Im "Rechtshistorischen Journal" hat Heinz Dieter Kittsteiner 1999 der Historikerzunft vorgeworfen, daß sie ein Tabu über die Geschichtsphilosophie verhängt habe. Die Ganzheitsbegriffe kehrten als undurchschaute "Hintergrundmetaphern" zurück, um sich für ihre Verbannung zu rächen. So sei Hans-Ulrich ...

          Im "Rechtshistorischen Journal" hat Heinz Dieter Kittsteiner 1999 der Historikerzunft vorgeworfen, daß sie ein Tabu über die Geschichtsphilosophie verhängt habe. Die Ganzheitsbegriffe kehrten als undurchschaute "Hintergrundmetaphern" zurück, um sich für ihre Verbannung zu rächen. So sei Hans-Ulrich Wehler, als er die "Lebensbilanz" seines Lehrers Theodor Schieder zog und zu dem Ergebnis kam, die lange "Lernphase" nach 1945 müsse stärker zu Buche schlagen als die kurze Verirrung des Fachmanns für Volkstumskämpfe, in die Theodizee-Falle gestürzt: "Das größtmögliche Übel des Jahrhunderts mußte gegen seine Absicht mitwirken, damit aus einem deutschen Historiker dann doch noch etwas ganz Ordentliches werden konnte."

          Wehler drehte in seiner Replik den Methodenspieß um: Kittsteiner, der sich am kulturhistorischen Methodenstreit mit einem einzigen "schlanken Beitrag" beteiligt habe, sei der "Aufstieg vom Allgemeinen zur konkreten Forschung offenbar fremd geblieben". Eine Herausforderung war Wehlers letztes Wort: "Wie wäre es mit einem konkreten Stück Kittsteinersche Kulturgeschichte, auf der Höhe des gegenwärtigen Reflexionsniveaus selbstredend und geschichtsphilosophisch vom Meister selbst inszeniert, damit man endlich einmal, über den postulatorischen Duktus hinaus, in einen Leistungsvergleich eintreten könnte?"

          Zwei Jahre später liegt es vor uns, das konkrete Stück. Und wieder ist es nur ein schlanker Beitrag. Ein Buch zwar, aber nur ein Strich im Regal. Doch in dieser Form ist die Studie dem Gegenstand kongenial, dem Komma von SANS, SOUCI. In seinem Anti-Wehler hatte Kittsteiner Max Weber zitiert: "Was Gegenstand der Untersuchung wird, und wie weit diese Untersuchung sich in die Unendlichkeit der Kausalzusammenhänge erstreckt, das bestimmen die den Forscher und seine Zeit beherrschenden Wertideen." Welche Wertidee kann den Forscher bestimmen, der das Komma, das in der Inschrift auf dem Mittelrisalit der Fassade des Schlosses Friedrichs des Großen zu Potsdam die beiden Wörter SANS und SOUCI trennt, zum Gegenstand einer Abhandlung macht?

          Vorderhand ist nicht zu erkennen, in welcher Beziehung ein Satzzeichen, das keine Bedeutung hat, sondern in seiner Funktion aufgeht, zu welchem Wert auch immer stehen sollte - zumal im vorliegenden Fall schon als zweifelhaft gelten muß, ob es überhaupt eine Funktion hat. Es macht ja noch nicht einmal einen Punkt. Einen Punkt gibt es zwar auch, hinter dem Wort SOUCI, und alle Erklärungen, die Kittsteiner für die Existenz des Kommas in Erwägung zieht, sollen sich auch am Punkt bewähren. Wenn zum Thema aber der Beistrich wird, der dem Wertvollen und Ideenreichen eben nur beigegeben wird, dann kann man dafür auf den ersten Blick nur eine denkbar allgemeine Wertidee in Anschlag bringen: den Gedanken, daß alles, was existiert, der Forschung würdig ist.

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