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Rezension: Sachbuch : Ich bremse mich nicht für Nagetiere

  • Aktualisiert am

Robert Spaemanns abwendungsorientierte Reflexionen / Von Friedrich Wilhelm Graf

          Seit vierzig Jahren markiert Robert Spaemann Grenzen. Der Philosoph wehrt den "Anschlag auf den Sonntag" ab und verurteilt den Einsatz der Bundeswehr im Kosovo. Er bekämpft die "Seuche der Abtreibung", verteidigt das "Euthanasie"-Tabu und macht gegen Küngs "Weltethos" Front. Im Sammelsurium der Texte und Themen wird Spaemanns Selbstverständnis hervorragend sichtbar. Der "Spezialist für geistiges Krisenmanagement" will "Orientierungswissen" vermitteln. Im Kampf gegen die Erosion überlieferter Moral setzt Spaemann, wie einst Bonald und de Maistre, auf die römisch-katholische Kirche. "Die Kirche" sei der letzte Hort eines abendländischen, durch "Athen und Jerusalem" repräsentierten Ethos. Sie lehre keine klerikale Spezialmoral, sondern vertrete die allgemeingültige humane Sittlichkeit. Der intellektuelle Reiz von Spaemanns Essays liegt im Wahrheitspathos, mit dem er die römisch-katholische Lehre als unbedingt gültiges, einzig menschengemäßes Ethos behauptet.

          Mit Max Scheler betont Spaemann die kulturellen Kontexte ethischer Reflexion. "Wo es um das Thema der Lebenspraxis geht, spielen Unterschiede der Herkunft, der Sozialisation, der Biographien, der Religion, des Charakters und des Lebensalters der Gesprächsteilnehmer eine Rolle." Gern erwähnt Spaemann Lebensgeschichtliches. Im intakten Kirchenmilieu lernte der Gymnasiast die Nationalsozialisten zu hassen. Einer Reeducation bedurfte er 1945 nicht. Sein religiöser Glaube sensibilisierte ihn für Ambivalenzen der Moderne. Häufig zitiert Spaemann die "Dialektik der Aufklärung". Die Kritik sich selbst verabsolutierender Zweckrationalität bildet einen Angelpunkt seines Denkens. Mit großer gedanklicher Konsequenz greift der Ritter-Schüler klassische Topoi konservativer Zivilisationskritik auf. Liberale verachtet er, weil diese spätbürgerlichen Individualisten nur eine relativistische "Soft-Phraseologie" verkünden. Gegen den globalen Kapitalismus empfiehlt Spaemann Verzicht und Askese. Der Hedonismus konsumgeiler Egomanen widert ihn an. In seinem Zivilisationsekel gebraucht er harte Worte. Den vielen Funktionalisten unter den Sozialwissenschaftlern, die alles in Gebrauchswert und Nutzenkalkül auflösen, wirft er die Vertierung des Menschen zum angepaßten Trendsetter vor. "Man denkt klein vom Menschen, man ist eine sich systemkonform amüsierende Ratte - beyond freedom and dignity."

          Moderne Wissenschaft führt Spaemann auf ein einziges Prinzip zurück. Seit Descartes hätten die Wissenschaften ihre Gegenstände radikal auf bloße Gegenständlichkeit reduziert. Jede Ähnlichkeit zwischen res extensa und res cogitans werde geleugnet. So habe man zunehmend auch den Menschen als Naturwesen verobjektiviert. Szientifischer Machbarkeitsglaube rechtfertige sich sozialutilitaristisch: Man vergegenständliche den Menschen, um das subjektive Wohlbefinden möglichst vieler zu steigern. Die Optimierungsstrategien der Wissenschaftler lieferten uns nur der "Dialektik der Naturbeherrschung" aus: Die intendierte Emanzipation von der gegebenen Natur stärke die Tendenz, sich als triebgeleitetes Naturwesen zu begreifen. "Die Emanzipation des Geistes von der natürlichen Gestalt des Menschen, dieser neue Spiritualismus ist die heimtückischste Form des Naturalismus." Spaemann will "den modernen Wissenschaften" ein ganzheitliches Bild des Menschen entgegensetzen, das an der conditio humana, unserer Endlichkeit und unseren natürlichen Grenzen, orientiert ist. "Die sittliche Vernunft" stehe im kontradiktorischen Gegensatz zu allen szientifischen Selbstverbesserungsphantasien des Menschen.

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