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Rezension: Sachbuch : Hitler und Stalin wußten nichts von Fußball

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Der Sport als moralische Kategorie: Hans Blickensdörfers Erinnerungen

          FRANKFURT. Der Sport greift ein. Er ist eine höhere Macht. Der Sport hilft, Menschen aus Gefangenenlagern zu befreien. Es gibt, so jedenfalls zitiert der Sportjournalist Hans Blickensdörfer seinen Förderer und sein Vorbild Artur Keser, eine "sportliche Internationale". Der Sport hat, das kann man Blickensdörfers Erinnerungen entnehmen, seinem Leben so manche schicksalhafte Wende gegeben. Wer ist denn das, "der Sport"? Jedenfalls nicht "der Krieg", der Blickensdörfers Biographie auf ganz andere Weise prägte. Sport und Krieg sehen einander ähnlich und sind doch Gegensätze. Für Blickensdörfer bedeuten sie Gut und Böse.

          Die Männer, die im Zweiten Weltkrieg als Soldaten dienten und litten und sich nach der Katastrophe als die größten Verlierer der Welt fühlen mußten, werden weniger. Die Zeitzeugen haben sich schwergetan, mit ihren Kindern über ihre Vergangenheit zu sprechen, und viele Erinnerungen werden nie erzählt werden. Das macht das Buch von Blickensdörfer, in seinem bildhaften und manchmal ruppigen Stil geschrieben, zu einer interessanten Beschreibung der extremen Seelenlage dieser Männergeneration. "Rund sind Ball und Baskenmütze", heißt der Titel, der Blickensdörfers große Leidenschaft neben der Tour de France, den Fußball, ebenso anspricht wie seinen Bucherfolg der siebziger Jahre.

          Blickensdörfer, Jahrgang 1923, mußte ausbaden, was andere begannen. Er entkam Stalingrad noch rechtzeitig ins Lazarett, gehörte zu den Besatzungstruppen in der Normandie, mußte kurz vor Kriegsende mit einem Auftrag nach Berlin, rettete sich aus der sowjetischen in die amerikanische Zone und landete schließlich ohne Papiere in einer hastig organisierten französischen Uniform wieder in Frankreich. Dort wurde er verdächtigt, ein Spion zu sein, weil er als einziges Dokument eine Autogrammliste der Fußballmannschaft von Arsenal London in der Tasche trug. Weil ein von der französischen Geheimpolizei hinzugezogener britischer Diplomat die Namen der Stars erkannte, verbesserte sich Blickensdörfers Lage. Der Sport, so schließt er daraus, hat ihn gerettet.

          Hitler, Stalin und Ulbricht, schreibt Blickensdörfer, hätten keine Ahnung von Fußball gehabt. Sie können, liest man zwischen den Zeilen, schon deshalb keine anständigen Menschen gewesen sein. Der Sport ist ihm eine höhere moralische Kategorie. Eigentlich nicht verwunderlich. Im Sport konnten auch Kriegsverlierer gewinnen. In seinem Ende der fünfziger Jahre erschienenen Roman "Brot und Spiele" läßt Siegfried Lenz einen "Turnvater Lunz" sagen: "Im Sport gibt es Sieg ohne kriegerische Mittel." Verlieren heißt hier nicht Sterben. Der Held im Roman von Lenz, ein Sportreporter, der im Krieg einen Arm verlor, stellt als Beobachter einer Leichtathletikmeisterschaft fest: " . . . ich sah damals, daß der Sport keine Tragödie zu sein braucht, der Platz keine Freistatt . . ."

          Wie groß das Bedürfnis nach dem Sport damals war, können jüngere Menschen wohl nur ahnen. Blickensdörfer haben aber auch seine im Krieg geknüpften Kontakte nach Frankreich und Rußland in seinem späteren Leben als Reporter geholfen. Seine Artikel sind als "literarische" Sportberichte bis heute beliebt. Im Buch läßt er in vielen Anekdoten den Sport der vergangenen Jahrzehnte wieder aufleben. Der Sportjournalist der ersten Stunde mag es bedauern, daß heute Jüngere, gewissermaßen Ahnungslose, selbst über große Wettkämpfe berichten dürfen. Da entschlüpft ihm schon einmal der Vorwurf, heute gebe es "so manche televisionäre Springinsfelde", die seiner Ansicht nach zu wenig wissen. So wichtig wie damals sind Fußball, Radsport oder Tennis heute wohl nur noch für diejenigen, die damit reich werden wollen. Der zweiundzwanzigjährige Blickensdörfer im französischen Gefängnis jedenfalls empfand den Sport als "Rettungsanker in hoffnungsloser Lage".

          EVI SIMEONI

          Besprochenes Buch: Hans Blickensdörfer: "Rund sind Ball und Baskenmütze. Erinnerungen", Engelhorn, Stuttgart, 365 Seiten, 42 Mark.

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