https://www.faz.net/-gqz-6qnir

Rezension: Sachbuch : Hinweis

  • Aktualisiert am

          FRITZ STERN. Reden hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Es kann nie alles gesagt werden, und insofern wird in jeder Rede geschwiegen. Eine Rede, in der beklagt wird, es werde zuviel geredet, wird leicht zu einer peinlichen Veranstaltung. Ein Redner, der bedauert, dass andere geschwiegen haben, könnte sich hingegen der Einrede aussetzen, er habe leicht reden. Doch die Rede über das "feine Schweigen", die Fritz Stern in der Universität München hielt und die am 28. Dezember 1998 in dieser Zeitung gedruckt wurde, ist das Muster einer taktvollen Deutlichkeit, die das Schweigen vielsagend, aber gerade nicht vieldeutig werden lässt. Über das Wegschauen der deutschen Führungsschichten sprach Stern unter dem bei Nietzsche entliehenen Begriff, über ein Verwischen historischer Tatsachen aus überlegter Nachlässigkeit, das in Deutschland nicht erst 1945 zur Übung wurde. Schon die Aufarbeitung der Kriegsschuldfrage nach 1918 stand unter dem geheimen Vorbehalt, nur das zuzugeben, was auch andere Nationen sich vorwerfen konnten. Dass das Beschweigen eine verständliche Funktion gehabt hatte und insofern ein "kommunikatives" gewesen war, verschwieg Stern nicht. Aber auch die "Trivialisierung des Holocaust in den Medien oder auch in literarischer Form", die Stern einen "Betrug an den Opfern" nannte, rechtfertigt in seinen Augen keinen Zweifel an der Notwendigkeit der Selbsterforschung der Deutschen in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Er schloss seine Rede mit einem anderen Wort Nietzsches: "Der Reiz der Erkenntnis wäre gering, wenn nicht auf dem Wege zu ihr so viel Scham zu überwinden wäre." - Zwei Essaybände in seinen beiden Sprachen sammeln jüngere Studien und Interventionen Sterns, der am morgigen Sonntag den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegennehmen wird. (Fritz Stern: "Das feine Schweigen". Historische Essays. Verlag C. H. Beck, München 1999. 187 S., geb., 34,- DM. "Einstein's German World". Princeton University Press, Princeton 1999. 335 S., geb., 15,95 brit. Pfund.)

          F.A.Z.

          Weitere Themen

          Kein Weg führt nach Utopia

          Ágnes Heller über Freiheit : Kein Weg führt nach Utopia

          Freiheit ist das Signum der Moderne. Aber auf den faktischen Gebrauch dieser Möglichkeit der Wahl kommt es an für das soziale und politische Leben heute: Diese Rede schrieb die ungarische Philosophin Ágnes Heller kurz vor ihrem Tod.

          Topmeldungen

          Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

          Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

          Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.
          Olaf Koch, 49, ist seit sieben Jahren Vorstandsvorsitzender des Handelskonzerns Metro.

          Metro-Chef Koch im Interview : Ist Ihr Job noch sicher?

          Metro-Chef Olaf Koch hat eine feindliche Übernahme durch den tschechischen Milliardär Křetínský abgewehrt, doch die Probleme bleiben. Wie geht es mit dem Handelskonzern und ihm selbst weiter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.