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Rezension: Sachbuch : Hier steppt Lord Henry

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Zwanzig Jahre Missverstehen: Das Warten auf den Jazz-Roman

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          "Beinahe alles, was über Jazz geschrieben wurde, ist von so miserabler Qualität, dass man es wegschmeißen oder vergessen kann", sagte der englische Schriftsteller Geoff Dyer, der vor knapp zehn Jahren mit "But Beautiful" eines der wenigen brillanten Bücher über Jazz veröffentlichte. Man mag diesem Befund zustimmen oder nicht, fest steht: Auf den ganz großen Jazz-Roman haben wir bis heute vergeblich gewartet. Die lebendigste Musik des vergangenen Jahrhunderts hat in der Literatur, zumal in der europäischen Literatur, nur dürftige Spuren hinterlassen. Gelegentlich dient Jazz als Stimmungskolorit, als Milieukulisse für Krimis, als emotionales Parfüm mit den Duftnoten Nachtclub, Drogen, Sex, Ekstase, Künstlertragödie und melancholisches Geworfensein.

          Schwer zu sagen, warum die Jazz-Musik selbst - nicht zu reden von der Utopie und der Realität des jazz life -, warum der Spezial- und Binnenkosmos namens Jazz so selten zum Gegenstand literarischen Interesses geworden ist. Es liegt gewiss nicht daran, dass das Lesepublikum dieser Welt nichts von Jazz versteht. Eher schon daran, dass so wenige Schriftsteller etwas von Jazz verstehen. "Der große Gatsby" des Jazz Age ist jedenfalls nie geschrieben worden, und auch der "Doktor Faustus" hatte es bekanntlich nicht mit dem swingenden Rhythmus.

          Als die spätere Nobelpreisträgerin Toni Morrison ihren Roman "Jazz" veröffentlichte, sah sich die Jazzgemeinde wieder in ihrem Vorurteil bestätigt. Auch dieses Buch handelte nicht von der Musik, die wir unter dem Namen Jazz kennen, sondern das four-letter-word diente als Chiffre für das Lebensgefühl der schwarzen Amerikaner. Immerhin: Die Jazzfans waren wenigstens auf hohem Niveau enttäuscht worden.

          Wenn wir die seltenen Ausnahmefälle wie Dyer außer Acht lassen, so hatte das Reizwort Jazz in der europäischen Literatur in erster Linie eine symbolische Funktion. Von der Musik selbst war so gut wie nie die Rede, und es ging noch nicht einmal um eine historisch und soziologisch grundierte Lebenserfahrung. In den Jahren zwischen den Weltkriegen diente der Begriff Jazz als Synonym für modischen lifestyle, zugleich aber als Auslöser für ein diffuses Assoziationscluster: Anarchie, Entgrenzung, Verrücktheit, Unordnung, animalische Lust, Primitivität, exotische Reize - das gehörte zu dieser Begriffswolke ebenso wie die sündigen Versprechungen von sex & drugs.

          "Es war die Zeit des Bubikopfes, die Zeit des kurzen Rockes und der fleischfarbenen Strümpfe", schreibt der tschechische Schriftsteller Hans Janowitz in seinem 1927 zuerst veröffentlichten und jetzt neu aufgelegten Roman "Jazz", "die Zeit der wilden Freude an wilder Lausbüberei, an wildem Unfug im Ordnungsbereich, kurz: Das wahre Programm der Zeit hieß Jazz." In der Folge ist in diesem Buch dann leider nicht mehr von Jazz die Rede, sondern von der gängigen Tanzmusik jener Tage.

          Janowitz erzählt die etwas wirre Geschichte einer fünfköpfigen Kapelle namens "Lord Punch's Jazz-Band-Boys", die in einem Pariser Tanzlokal Karriere macht. Zur "Jazz-Band" gehören: ein englischer Lord namens Henry, der Geige spielt und steppt ("Ein bildhübscher Bursche. Adelstyp. Blond. Jung. Sehr jung."); ein Dirigent, der auch mal zum Flexaton greift; ein Ex-Matrose mit seiner Ziehharmonika; ein nicht näher beschriebener Saxofonist namens Punch sowie ein Tenor, der aber vermutlich auch Schlagzeug spielt. "Das Sprudelbad der Töne, das Lord Punchs Jazz-Band durch das Palais ergoss", der "synkopisch gebrochene, atonale Lärm" hört sich mit den Worten von Hans Janowitz folgendermaßen an: "Das Saxofon Punchs durchfegt den Hexenkessel des Raumes mit seinem launischen Schmettern oder Grunzen mit der Wirkung eines unsichtbaren Kochlöffels, der alles in dem Topf durcheinanderwirbelt, das Unterste zu oberst kehrt und Oberste zu unterst . . . Da sind die Violinen und das Klavier, die Trommel, Gesangsstimmen männlicher und weiblicher Timbres, da ist das ,Flexaton' in den Händen von Siegi, das Steppbrett unter den Füßen Henrys, Hupen und Kindertrompete, Kastagnietten und platzende Luftballons, alles Lautspender, die sich, jeder in seiner Art, als kräftige Kochlöffel bewährten." So werden sie zusammengerührt, die "leidenschaftlichen Dissonanzen".

          Passend zu den Band-Boys gibt es noch fünf "Dancing Girls" namens Baby, Dolly, Winnie, Peggie und Bully. Es handelt sich natürlich um sehr langbeinige, "amüsante, drollige" Frauenzimmer von entzückender Anmut, Musterexemplare der Altherrenfantasie. Baby, die allerhübscheste, allerlangbeinigste aus der Girlie-Truppe, verliebt sich in Henry. Das merkt Henry aber erst mal nicht, denn er schmachtet nach einer koketten englischen Lady, mit der er einst im Zugabteil getechtelt hat. Ebenfalls hinter der Lady her ist ein perverser russischer Maler, der am liebsten sterbende nackte Frauen malt. Bis im Nachtclub das große Finale steigt (Happy End inclusive), laufen noch allerhand Nebendarsteller durchs Bild: Tanzmädel, Kellner, ein ungarischer Eintänzer, englische Gentlemen, alles Figuren aus dem Bilderbuch.

          Nicht nur im Klappentext, sondern auch in der Erzählung selbst wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um einen Jazz-Roman handelt. "Man erlaube mir", schreibt Janowitz, "den Umstand, dass ich einen Jazz-Roman schreibe, als Ausrede oder Entschuldigung dafür zu benutzen, dass dieses Buch kein Roman üblichen Schlages wird. Andere Gesetze, so glaube ich, walten über diesem Buche, so wie über einer Jazzpiece andere Gesetze walten als über einer Sonate für Klavier und Geige." An anderer Stelle: "Ein Jazz-Roman hat das Recht, mitten in der Wiederholung eines Motivs leise auszuklingen und einfach zu Ende zu sein. Dieses unveräußerliche Recht in dem ersten Jazz-Roman zu wahren, der nach den Gesetzen der Jazzmusik entstanden ist, muss mir selbstverständlich gestattet sein."

          Gesetze der Jazzmusik? Gemeint ist offenbar der Versuch, jenes rhythmische Element sprachlich zu imitieren, das bis auf den heutigen Tag im Verständnis des bürgerlichen Publikums als typisches Merkmal, ja als Inbegriff jazzigen Musizierens gilt: die Synkope. Wenn Janowitz den Erzählfluss immer wieder unterbricht oder den Leser direkt anspricht, dann ist das vermutlich als synkopische Rhythmisierung des Textes gemeint. Nun waren derartige Stilmittel allerdings schon in den Zwanzigern alte Hüte, und Wendungen wie "Ich überspringe jetzt die Ereignisse dieses Nachmittags" oder "Zu diesem Behufe muss ich aber zurückgreifen und den Ort der Handlung für ein paar flüchtige Skizzen in ein sehr ruhiges, kleines Hotel verlegen" klangen schon vor der Weltwirtschaftskrise sehr abgestanden. Wenn das der Rhythmus ist, wo man mit muss, dann war schon der "Tristram Shandy" vom Altjazzer Laurence Sterne ein höllisch swingendes Werk.

          Damit wir auch alle wissen, welche Klänge mit dem Wort Jazz im gleichnamigen Roman gemeint sind, hat der Verlag zum Buch noch eine CD beigelegt. Sie enthält dreiundzwanzig Aufnahmen aus den zwanziger Jahren, darunter so bemerkenswerte Schlagerwerke wie "Die Susi bläst das Saxofon" mit Irene Ambrus oder "Lieber kleiner Eintänzer" mit Trude Hesterberg. Zu hören sind allerdings auch zwei wirklich herzwärmende Stücke, "East St. Louis Toodle-oo" mit dem Duke Ellington Orchester und "Hebbie Jeebies" mit Louis Armstrong & His Hot Five.

          Keine Frage: auf den Jazz-Roman müssen wir weiterhin warten. In der Zwischenzeit könnte man sich vielleicht ein bisschen über die Entstehungsgeschichte eines Missverständnisses informieren, das weit reichende Folgen hatte bis hin zu Adornos fatalem Essay "Zeitlose Mode". Man könnte die Wartezeit allerdings auch ohne Lektüre überbrücken. Dafür mit guter Musik. Mit Jazz.

          VOLKER KRIEGEL

          Hans Janowitz: "Jazz". Nachwort und herausgegeben von Rolf Riess. Weidle Verlag, Bonn 1999. Mit beiliegender CD. 200 S., geb., 46,- DM.

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