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Rezension: Sachbuch : Hier steppt Lord Henry

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Passend zu den Band-Boys gibt es noch fünf "Dancing Girls" namens Baby, Dolly, Winnie, Peggie und Bully. Es handelt sich natürlich um sehr langbeinige, "amüsante, drollige" Frauenzimmer von entzückender Anmut, Musterexemplare der Altherrenfantasie. Baby, die allerhübscheste, allerlangbeinigste aus der Girlie-Truppe, verliebt sich in Henry. Das merkt Henry aber erst mal nicht, denn er schmachtet nach einer koketten englischen Lady, mit der er einst im Zugabteil getechtelt hat. Ebenfalls hinter der Lady her ist ein perverser russischer Maler, der am liebsten sterbende nackte Frauen malt. Bis im Nachtclub das große Finale steigt (Happy End inclusive), laufen noch allerhand Nebendarsteller durchs Bild: Tanzmädel, Kellner, ein ungarischer Eintänzer, englische Gentlemen, alles Figuren aus dem Bilderbuch.

Nicht nur im Klappentext, sondern auch in der Erzählung selbst wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es sich um einen Jazz-Roman handelt. "Man erlaube mir", schreibt Janowitz, "den Umstand, dass ich einen Jazz-Roman schreibe, als Ausrede oder Entschuldigung dafür zu benutzen, dass dieses Buch kein Roman üblichen Schlages wird. Andere Gesetze, so glaube ich, walten über diesem Buche, so wie über einer Jazzpiece andere Gesetze walten als über einer Sonate für Klavier und Geige." An anderer Stelle: "Ein Jazz-Roman hat das Recht, mitten in der Wiederholung eines Motivs leise auszuklingen und einfach zu Ende zu sein. Dieses unveräußerliche Recht in dem ersten Jazz-Roman zu wahren, der nach den Gesetzen der Jazzmusik entstanden ist, muss mir selbstverständlich gestattet sein."

Gesetze der Jazzmusik? Gemeint ist offenbar der Versuch, jenes rhythmische Element sprachlich zu imitieren, das bis auf den heutigen Tag im Verständnis des bürgerlichen Publikums als typisches Merkmal, ja als Inbegriff jazzigen Musizierens gilt: die Synkope. Wenn Janowitz den Erzählfluss immer wieder unterbricht oder den Leser direkt anspricht, dann ist das vermutlich als synkopische Rhythmisierung des Textes gemeint. Nun waren derartige Stilmittel allerdings schon in den Zwanzigern alte Hüte, und Wendungen wie "Ich überspringe jetzt die Ereignisse dieses Nachmittags" oder "Zu diesem Behufe muss ich aber zurückgreifen und den Ort der Handlung für ein paar flüchtige Skizzen in ein sehr ruhiges, kleines Hotel verlegen" klangen schon vor der Weltwirtschaftskrise sehr abgestanden. Wenn das der Rhythmus ist, wo man mit muss, dann war schon der "Tristram Shandy" vom Altjazzer Laurence Sterne ein höllisch swingendes Werk.

Damit wir auch alle wissen, welche Klänge mit dem Wort Jazz im gleichnamigen Roman gemeint sind, hat der Verlag zum Buch noch eine CD beigelegt. Sie enthält dreiundzwanzig Aufnahmen aus den zwanziger Jahren, darunter so bemerkenswerte Schlagerwerke wie "Die Susi bläst das Saxofon" mit Irene Ambrus oder "Lieber kleiner Eintänzer" mit Trude Hesterberg. Zu hören sind allerdings auch zwei wirklich herzwärmende Stücke, "East St. Louis Toodle-oo" mit dem Duke Ellington Orchester und "Hebbie Jeebies" mit Louis Armstrong & His Hot Five.

Keine Frage: auf den Jazz-Roman müssen wir weiterhin warten. In der Zwischenzeit könnte man sich vielleicht ein bisschen über die Entstehungsgeschichte eines Missverständnisses informieren, das weit reichende Folgen hatte bis hin zu Adornos fatalem Essay "Zeitlose Mode". Man könnte die Wartezeit allerdings auch ohne Lektüre überbrücken. Dafür mit guter Musik. Mit Jazz.

VOLKER KRIEGEL

Hans Janowitz: "Jazz". Nachwort und herausgegeben von Rolf Riess. Weidle Verlag, Bonn 1999. Mit beiliegender CD. 200 S., geb., 46,- DM.

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