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Rezension: Sachbuch : Heute noch so wirksam wie im Jahre 1970

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Es gibt mindestens einen Traum der Aufklärung, der bis heute nicht ausgeträumt ist. Dieser Traum verspricht uns, daß eifrig-systematisierendes Sammeln von Wissen und Texten - im achtzehnten Jahrhundert nannte man noch alle Texte "Literatur" - in eine Welt führen soll, wo die Konturen der Wahrheit, ...

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          Es gibt mindestens einen Traum der Aufklärung, der bis heute nicht ausgeträumt ist. Dieser Traum verspricht uns, daß eifrig-systematisierendes Sammeln von Wissen und Texten - im achtzehnten Jahrhundert nannte man noch alle Texte "Literatur" - in eine Welt führen soll, wo die Konturen der Wahrheit, die Konturen einer einfachen und kompakten Wahrheit, mit der Wucht endgültiger Evidenz hervortreten. So bedingungslos glaubten zum Beispiel Denis Diderot und sein Freund Jean Le Rond d'Alembert an diesen Traum, daß sie den 1751 erschienenen ersten Band der von ihnen begründeten Encyclopédie mit einem Faltblatt versahen, auf dem - das erhoffte Ende des Encyclopédie-Unternehmens vorwegnehmend - die elementaren Grundstrukturen des Wissens schon in erhabener Einfachheit vorgezeichnet waren. Niemand in Deutschland hat während der vergangenen Jahrzehnte diesen Traum - und all seine Probleme - leidenschaftlicher und mit breiterer öffentlicher Resonanz zur Wirklichkeit eines Lebens und eines Werkes gemacht als der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

          Sein Glaube an Aufklärung und an sich selbst als Aufklärer gibt ihm eine - für viele Intellektuelle irritierende - Unbeirrbarkeit. Möglicherweise erklärt diese Unbeirrbarkeit, warum Reich-Ranicki vor kurzem - offenbar als Reaktion auf die Walser-Affäre - einen programmatischen Text "Über Literaturkritik" unverändert wieder veröffentlichte, der vor zweiunddreißig Jahren zum erstenmal erschienen war. Denn, so könnte man den Diskurs der Aufklärung noch einmal zitierend ergänzen, was sich einmal als wahr und praktikabel bewährt hat, bedarf auch später keiner Korrekturen mehr. Und wie Diderots und d'Alemberts Faltplan des Wissens, so hat auch die Welt der Literaturkritik in Marcel Reich-Ranickis Sicht ebenso klare wie einfache Konturen. Er geht davon aus, daß "die Literatur" - ein für allemal, ist wohl unterstellt - die "Möglichkeit und Aufgabe" hat, "der Realität ihrer Gegenwart beizukommen" (was immer das genau bedeuten mag). Fern von aller romantischen Genie-Schwärmerei, setzt Reich-Ranicki weiter voraus, daß "der Kritiker", wenn er denn sein "Gewerbe" versteht und nicht "seinen Beruf verfehlt" hat (was passieren kann, wenn er sich dagegen sträubt, gelegentlich wie ein "Schulmeister" zu wirken), daß dieser Kritiker imstande sein muß, die literarischen "Arbeiten" in "Verrissen" oder "Hymnen" vor allem nach den zwei Noten "miserabel" oder "glänzend" zu klassifizieren. Und wie nicht anders vom Vetter eines "Schulmeisters" zu erwarten, "mißbilligt" und "schimpft" der Literaturkritiker so besonders "nachdrücklich" und "kräftig", weil er sich "insgeheim nach dem Guten" - in der Literatur natürlich - "sehnt" (manchmal nennt Reich-Ranicki sein "Schimpfen" auch "Negation").

          Es gibt eigentlich nur eine Komplikation in Marcel Reich-Ranickis Welt. Das ist die Tatsache, daß er als Kritiker ausgerechnet in Deutschland schreibt, in einem Land, wo die Literaturkritik, behauptet er, "schlecht" ist und sich offenbar permanent auf einem "beschämenden Tiefstand" befindet. Jeder gebildet-demokratische Deutsche würde wie Marcel Reich-Ranicki den tatsächlich schweren Stand der kritischen Gesinnung in Deutschland mit dem sogenannten "historischen Sonderweg" der Nation assoziieren. Das versetzt ihn dann auch in die argumentativ beneidenswerte Lage, Angriffe auf die (Literatur-)Kritik als Angriffe auf Demokratie und Freiheit deuten und verurteilen zu können. Während sich aber Reich-Ranickis Verweis auf die so gern beschworene deutsche Negativ-Tradition kaum widersprechen läßt, fällt andererseits auf, wie wenig Skrupel er hat, historische Detailgenauigkeit bestimmten rhetorischen Effekten zu opfern. Zum Beispiel ist es sicher nicht angemessen, Immanuel Kant, den Autor der drei großen "Kritiken" aus der deutschen Aufklärung, zum Ahnherrn eines allgemein kritischen Geistes und sogar zum Gründungsvater der Literaturkritik zu machen: denn Kants philosophischer Begriff von "Kritik" ist nicht identisch mit der alltagssprachlichen Bedeutung desselben Worts. Keinesfalls trifft auch zu, wie Reich-Ranicki schreibt, daß sich die Germanistik erst nach 1871, also erst im Zeitalter Richard Wagners, den Texten des Mittelalters zugewandt haben soll. Im Gegenteil - es war ebendie Begeisterung für das Mittelalter, welche ein gutes halbes Jahrhundert vorher die institutionelle Geburt der Germanistik motiviert hatte.

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