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Rezension: Sachbuch : Herz, was soll das geben

  • Aktualisiert am

Goethe schont den Bildschirm Von Bernhard Dotzler

          Auch ich in Arcadien!" Man kennt den Ausruf wohl vor allem als Motto über Goethes "Italienischer Reise", als vermeintlichen Jubelruf also. Und als Losung für das Fernweh bei Leuten, die sich auf ihre Bildung etwas zugute halten. Traditionell freilich gehört die von den arkadischen Schäfern einst entdeckte Inschrift einem Totenkopf zu und besagt: Auch in Arkadien bin ich da - ich, der Tod. In dieser Gegend sind seit kurzem noch andere Mitbewohner anzutreffen - denn so weit haben es die Maschinen inzwischen gebracht.

          Vorausgesetzt, es handelt sich um Maschinen vom Typ IBM-kompatibler Computer mit mindestens einem 80386-Prozessor, dem Betriebssystem Windows 3.1, 4 MB Arbeitsspeicher, zehn überflüssigen MB auf der Festplatte und einem CD-Rom-Laufwerk. Dann nämlich kann man auf ihnen "Hansers Literarischen Zeitvertreib" ohne großen Aufwand installieren. Das ist eine Serie von Bildschirmschonern, die statt der üblichen aufgeregten Grafiken, fliegenden Toastern und dergleichen, eher Beschauliches auf den Monitor zaubern, sobald man eine Weile auf die Tastatur einzuhacken unterläßt. Senecas "De brevitate vitae" wurde sinnigerweise so aufbereitet, dann auch die Minnelieder Walthers von der Vogelweide, zuletzt die Nonsense-Lyrik Christian Morgensterns. Den Anfang aber machten "Goethes Reisen", und wie die Verpackung mit dem berühmten Gemälde von Tischbein wirbt (in digitalisierter Verfremdung, versteht sich), frohlockt schließlich auch das einmal in Gang gesetzte Programm: "Auch ich in Arcadien!"

          Die Installation, sei man versichert, ist wirklich simpel. Ähnlich erklärt der Programminhalt sich ganz von selbst. Der Gebildete weiß: Als Goethe Ende 1775 nach Weimar ging, funkte es bald zwischen ihm und Charlotte von Stein. Also - das chronologische Defilee von Bild- und Textdokumenten hat sich etwa durch das erste Viertel vorgearbeitet - sieht man die Scherenschnitt-Silhouetten eines männlichen und eines weiblichen Kopfes von links und rechts einander sich annähern, fast bis zum Kuß. Dann schwebt ein Amor über die beiden hin. Dann folgt ein Gedicht: "Herz, mein Herz, was soll das geben . . .?"

          Daß diese Verse bereits kurz vorher entstanden, weil durch die zwischenzeitlich Verlobte, Lili Schönemann, veranlaßt, tut der Sinnfälligkeit der grandiosen Animation keinen Abbruch. Hauptsache der Flirt zwischen der neuen Multimedia-Faszination und dem alten Literaturgenuß kommt endlich richtig in Schwung. Letzterem war von ältesten Zeiten her zugedacht, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden: "prodesse et delectare", belehren und erfreuen, hieß die Formel dafür seit Horaz. Hansers literarische Bildschirmschoner wollen ein Gleiches. Nur gestehen sie dem Bildungsgut, das sie transportieren, allein noch den Unterhaltungswert zu, während der Nutzen vorab aus der Hardware sich legitimiert.

          "Übrigens", gab Goethe einmal als seine Anverwandlung der Horazischen Regel bekannt, "ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben". Vor Erstarrung bewahrt wird hier aber nur der Bildschirm. Gleichzeitig ist er in der schlechteren Lage, dieser Art seiner Schonung hilflos ausgesetzt zu sein. Der sogenannte Benutzer dagegen kann es immerhin mit einer anderen Auskunft Goethes halten, die bereits aus seiner Zeit in Wetzlar (1772) stammt und bald genug über den Monitor huscht: "So faßte ich den Entschluß, mich freiwillig zu entfernen, ehe ich durch das Unerträgliche vertrieben würde."

          "Goethes Reisen". Glossar - Bildschirmschoner - Album. CD-ROM. Hanser Software, München 1995. 49,80 DM.

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