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Rezension: Sachbuch : Herrin der Mandelaugen

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Aus weiter Ferne so nah: Die Anna Selbdritt in St. Nikolai zu Stralsund / Von Dieter Bartetzko

          Auch nach hundertfünfzig Jahren ist das Misstrauen der Kunstwissenschaft gegen die Fotografie nicht geringer geworden. Nur die Kunstgeschichtler der ersten Stunde glaubten, was die begeisterten frühen Fotografen als Kürzel für den unbedingten Wahrheitsgehalt unter ihre Daguerreotypien schrieben: "Nach der Natur fotografiert." Wer heute als Kunsthistoriker auf sich hält, bevorzugt Fotografien im Duktus der nüchternen Dokumentaraufnahme, die er benutzt wie ein Arzt die Röntgenbilder seiner Patienten.

          Fotografien dagegen, die der Röntgenblick eines Künstlers zustande gebracht hat, werden der Sonderkategorie "künstlerische Fotografie" zugeordnet. Volkmar Herre ist ein solcher Fotografiekünstler. Stralsund, wo er aufgewachsen ist und lebt, hat durch ihn den Rang der uralten, fast verwunschenen Hansestadt bekräftigt: Oft mit der Camera obscura arbeitend, deren weiche Konturen Geschichte zum Vorschein bringen, wo das bloße Auge nur fest umrissene Gegenwart sieht, hat er die Landschaft der Ostseeküste so eindringlich festgehalten, wie es zum letzten Mal die Maler der Romantik getan haben. Der leise Widerstand der Inseln, ihrer Bäume, Dickichte und Dünen, Stralsunds allmählicher Verfall, die Müdigkeit des Backsteins nach Jahrhunderten Trotz, die kaum merkliche Hinfälligkeit der anmaßenden gotischen Bürgerkirchen, die Verletzlichkeit der hochgegiebelten Altstadt sind seine Themen; verhalten und gerade deshalb eindringlich vorgetragen.

          Sein neuer Bildband ist einem einzigen Kunstwerk gewidmet: der Stuckplastik "Anna Selbdritt" in der Stralsunder Nikolaikirche. Kaum jemand außerhalb der Region, auch nicht Kunsthistoriker, kennt dieses um 1250 entstandene Bildnis, das zum Besten der hochmittelalterlichen Plastik in Deutschland zählt. Die deutsche Teilung, die verantwortlich ist für das Vergessen dieses wunderbaren Kunstwerks, hat aber auch für die einzigartige und faszinierende Szenerie gesorgt, in der es sich heute noch darbietet. Im Umgangschor der gotischen Kirche steht die Plastik, in einer flachen spitzbogigen Nische, hinterfangen von rauhem Ziegelmauerwerk, Auge in Auge mit den Besuchern, ohne Altar und ohne die üblichen Inszenierungen oder Sicherheitsvorkehrungen.

          Umso größer ist der Bann, den die siebenhundert Jahre Dasein, sichtbar in Bruchstellen, Rissen und blätternden Bemalungsresten, auf den Betrachter ausüben. Volkmar Herres Schwarzweißfotografien wandeln das, was man spontan als Vernachlässigung und Aufforderung zu gründlicher Sanierung wahrnehmen könnte, in den eigentlichen Zauber der Anna Selbdritt. Farbreste und Schrunden, Ausflickungen und Fehlstellen werden zu Würdezeichen. Mit jedem Wechsel des Blickwinkels wechseln die Eindrücke. Mal scheint Anna ein unnahbares Götzenbild, mal schützende Mutter. Maria, von ihr gehalten, ist wechselnd ganz junges schüchternes Mädchen und Himmelskönigin. Das Jesuskind bietet sich teils als byzantinisch starrer Imperator, teils als hilfloses Kleinkind dar, angewiesen auf die liebevoll stützenden Hände der Mutter, die ihrerseits fast hilfesuchend an Arm und Schulter ihrer Mutter gelehnt ist.

          In allem aber bleibt der Haupteindruck der Entrücktheit. Nicht nur das Heiligenbild erweist sich als schwer greifbarer Schemen, sondern eine ganze Epoche, die trotz all der Zeugnisse, die sie uns hinterlassen hat, fremd und rätselhaft im Heute steht. So bezwingen denn auch diejenigen Aufnahmen Volkmar Herres am meisten, auf denen, en face fotografiert, Anna und Maria fast zutraulich lächeln, während ihre Augen mit dem charakteristischen Mandelschnitt des Hochmittelalters blicklos über alles hinwegsehen, wie man es von archaischen Idolen aus dem Zweistromland oder dem frühen Griechenland kennt.

          Für sich sprechend, sind Volkmar Herres Fotografien zugleich wissenschaftstaugliche Belege eines Essays, in dem die Kunsthistorikerin Juliane von Fircks die Qualität der Anna Selbdritt würdigt und sie mit den klassischen Mitteln der Stilkritik in die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts einordnet. Bisher - auch dies eine Folge der Abseitsstellung im geteilten Deutschland - war die Plastik kurzerhand ins hohe vierzehnte Jahrhundert datiert worden.

          Vielleicht, wahrscheinlich sogar, wird dieses neue kunsthistorische Urteil dazu führen, dass die Anna Selbdritt restauriert und ihrem Rang entsprechend platziert werden wird. Dann wird Volkmar Herres Bildband Zeugnis ablegen von jener anrührenden Situation, in der dieses faszinierende Bildwerk sich in St. Nikolai zu Stralsund darbot - zum Greifen nah und doch Jahrhunderte entfernt.

          Juliane von Fircks, Volkmar Herre: "Anna Selbdritt". Eine kolossale Stuckplastik der Hochgotik in St. Nikolai zu Stralsund. Edition herre, Stralsund 1999. 82 S., S/W-Abb. und Tafeln, geb., 49,- DM.

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