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Rezension: Sachbuch : Herrenmenschenwüten

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Meine wissenschaftlichen Arbeiten habe ich nie damit begonnen, die großen Fragen zu stellen; einfach in der Befürchtung, nur mit kleinen Antworten aufwarten zu können. Ich habe es deshalb vorgezogen, mich den signifikanten Kleinigkeiten oder Details zuzuwenden, um sie dann vielleicht in eine Gestalt bringen ...

          Meine wissenschaftlichen Arbeiten habe ich nie damit begonnen, die großen Fragen zu stellen; einfach in der Befürchtung, nur mit kleinen Antworten aufwarten zu können. Ich habe es deshalb vorgezogen, mich den signifikanten Kleinigkeiten oder Details zuzuwenden, um sie dann vielleicht in eine Gestalt bringen zu können, die das überlieferte Geschehen erklärt oder wenigstens umfassender beschreibt." So umriß Raul Hilberg, Autor des monumentalen Klassikers "Die Vernichtung der europäischen Juden" und Koryphäe auf diesem Forschungsfelde, einmal seinen Arbeitsstil als Historiker.

          Da der deutsche Staatsmord an über fünf Millionen Menschen nur als politisch-bürokratischer Prozeß zu fassen ist, versetzt Hilberg sich vor allem über die erhalten gebliebenen Schriftstücke in die Handlungssituation der Bediensteten der gigantischen Definitions-, Enteignungs-, Konzentrations-, Deportations- und Ausrottungsmaschinerie. Kanzleien, Ämter und Stäbe sind aber kein abstraktes Räderwerk, sondern sie werden von arbeitsteilig und zweckrational vorgehenden Menschen "beseelt" - beim Judenmord an die zweihunderttausend -, für die bürokratische Tradition und Routine ebenso handlungsleitend sein können wie weltanschauliche Unbeirrbarkeit. Diese Kleinteiligkeit bei der "Realisierung des Utopischen" (Hans Mommsen) treibt Hilberg zur Decodierung noch der scheinbar nebensächlichsten Akten-Partikel. Dahinter steckt aber mehr als die Anwendung einer Methode, die der Struktur seines Gegenstandes angemessen ist, oder sein auch für die dritte Generation von Holocaust-Forschern geradezu stilbildendes Ethos der Gründlichkeit: Es ist Hilbergs Überzeugung, "daß auf jeder Seite einer Quelle die ganze Kultur einer Gesellschaft enthalten ist, in jeder Akte ihre herrschenden Gedanken".

          In seinem - wie er sagt - "letzten Buch" vergewissert sich der 76 Jahre alte Zeithistoriker aus Vermont nun seiner Erkenntnisgrundlagen. Nachdem Hilberg sich mehr als fünfzig Jahre lang mit dem Vernichtungsprozeß selbst befaßt hat, lädt er die Leser seiner Bücher nun ein, mit ihm den Rohstoff seines Lebenswerkes zu mustern: die Quellen des Holocaust. Dabei bleibt er sich treu und ruft nicht die großen Fragen abstrakter Erkenntnistheorie auf, sondern erläutert völlig unprätentiös, was historische Quellen sind ("Fragmente einer größeren Konfiguration"), welche verschiedenartige Gestalt, welche Sprachstile, welche offenkundigen und verborgenen Inhalte sie haben und was die Nachwelt aus ihnen erfahren kann. Der Autor, der auffallend häufig von dem "Geschehen im vergangenen Jahrhundert" spricht, erläutert zunächst seine Systematisierung, in der er zwischen dreidimensionalen (bauliche Anlagen und Gegenstände) und zweidimensionalen Informationsquellen über den Holocaust unterscheidet. Letztere wiederum unterteilt er in seinerzeit frei zugängliche und interne "Dokumente" (zeitgenössische Schriftstücke) und nach 1945 entstandene "Zeugnisse".

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