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Rezension: Sachbuch : Heldin der Hemdlosen

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Auch der Roman "Santa Evita" von Tomás Eloy Martínez wurde in Argentinien nicht aus vorwiegend literarischen Gründen zu einem Bestseller. Martínez, ein dreiundsechzigjähriger, an einer nordamerikanischen Hochschule lehrender Argentinier, ist einer der interessanteren Autoren der derzeit nicht gerade aufregenden Literaturszene seines Landes. Im literarischen Betrieb ganz Lateinamerikas gut bekannt, konnte Martínez seinem Verlag eher nichtssagende, doch sein Buch eifrig lobende Äußerungen von drei Großen der hispanoamerikanischen Literatur - García Márquez, Fuentes und Vargas Llosa - für die Werbung schicken. Mit "La novela de Perón", einem biographischen Roman über den Präsidenten und Ehemann Evitas, hatte Martínez schon vor zehn Jahren im Land der Peronisten einen beachtenswerten Erfolg. "Santa Evita" macht ihn jetzt in der übrigen Welt bekannt.

Martínez war früher ein vielgelesener Journalist, der Mut vor Diktatoren bewies. "Santa Evita" verdankt der journalistischen Recherche viel, wenn sich in dem Roman dann auch Tatsachen und Fiktion ständig mischen, Wahrheit und Erfindungen geschickt miteinander verknüpft werden. Der Autor gibt kleine, nicht gleich erkennbare Hinweise für den Leser, durch die dieser erfährt, wo die Phantasie sich von den historisch belegten Ereignissen löst. Die Hauptfiguren des Romans sind historische Personen: neben Eva, dem General und dem Geheimdienstoberst Moori Koenig treten Pedro Ara, der spanische Meister in der Kunst des Einbalsamierens, und der Autor Martínez selbst auf. Die Handlung wird häufig an überraschende Schauplätze wie Sankt Pauli, Bad Godesberg oder das bayerische Altmühltal verlegt. Evitas einbalsamierter Leichnam - oder dessen Imitation - verhext Oberst Koenig und treibt ihn auf rastlose Irrwege über deutsche Landstraßen.

Tomás Eloy Martínez hat einen ambitionierten Roman geschrieben. Er läßt den Leser an der Entstehungsgeschichte seines Buches teilnehmen, macht sein literarisches Instrumentarium, zu dem Borges und García Marquez manches beigesteuert haben, hin und wieder sichtbar, um es dann wieder zu verbergen. Seine literarische Bildung will Martínez - das ist übrigens sein Familienname, nicht Eloy, wie manche angeblichen Experten für hispanoamerikanische Literatur in Deutschland meinen - nicht verleugnen. Die ausführlichen Berichte über die Mühen des Autors bei seinen jahrelangen Recherchen haben zwar die Funktion von Bindegliedern in der Struktur des fast mathematisch konstruierten Romans; der Verzicht auf diese anstrengenden Selbstreflexionen hätte allerdings den von Peter Schwaar glänzend übersetzten Text gestrafft und die Lektüre etwas weniger ermüdend gemacht.

Alicia Dujovne Ortíz: Evita Perón". Die Biographie. Aus dem Spanischen übersetzt von Petra Strien-Bourmer. Aufbau-Verlag, Berlin 1996. 433 S., geb., 49,90 DM.

Abel Posse: "Evita". Der Roman ihres Lebens. Aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1996. 408 S., geb., 39,80 DM.

Tomás Eloy Martínez: "Santa Evita". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1997. 430 S., geb., 48,- DM.

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