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Rezension: Sachbuch : Held der Beinarbeit

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Selige Sattelzeiten: Gustav-Adolf Schur radelt in seiner Autobiographie über Hölzchen und Stöckchen / Von Michael Reinsch

          Täve war schon immer einer fürs Gemüt. Der brave Sportsmann siegte und opferte sich für seine Heimat, die DDR. Mit markigen Sprüchen, beschränktem Horizont und goldenem Herzen ist er, über das Ende des Arbeiter- und Bauernstaates hinaus, zu deren gutem Geist geworden. Für die PDS ist er, als Nummer eins der Landesliste Sachsen, in den Bundestag eingezogen. Nicht irgendwelche Argumente dürften ihm seine Wählerstimmen eingebracht haben, sondern das Gefühl, daß er irgendwie für das Gute steht, das es gestern noch gab.

          Wer allein die angebliche Autobiographie liest, die zu seinem siebzigsten Geburtstag erschienen ist, wird nichts davon verstehen. Das Buch "Täve" schlägt aufs Gemüt. Gustav-Adolf Schur, der gute Mensch aus Heyrothsberge bei Magdeburg, wirft keinen Blick zurück, sondern blickt uns starr und leblos aus der Vergangenheit an. Er ist in der DDR steckengeblieben - er mit all seinen Verstrickungen und Verwirrungen, sie mit all ihrem Mief, ihrer lastenden Gräue. Aus dem legendären Täve scheint eine Mumie geworden zu sein.

          Schur raste mit dem Rennrad durch die Welt, gewann die Friedensfahrt, die Weltmeisterschaften 1958 und 1959 und schuf damit einen Erfolg, wie ihn der Westen mit der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 errungen hatte. Mit seinem kameradschaftlich-sozialistischen Verzicht auf den Titel 1960, als er auf dem Sachsenring aus einer Spitzengruppe heraus seinen Mannschaftskameraden Eckstein gewinnen ließ, gewann er eine Position, von der er nicht mehr herunterkommt: im Sternenhimmel des Ostens.

          Doch was findet sich davon in diesem Buch? Kein Funke Glück erhellt das von Pflichterfüllung bestimmte Arbeitsleben, kein Moment der Freude erleichtert das bleischwere Schicksal, stets und immer um das Wohl und die Anerkennung der DDR kämpfen zu müssen. Trauer oder Wut kommen auch nicht vor.

          Die Angst eines Kindes während der Bombardements im Krieg, wie sie in diesem Buch beschrieben wird, ist nachvollziehbar und glaubhaft. Die Freundschaft zu den sportlichen Konkurrenten von damals allerdings bleibt, wie so vieles andere, eine unbewiesene Behauptung. Nicht einmal im Ansatz sind Begegnungen zwischen ihm und seinem großen Rivalen Jan Vesely aus der Tschechoslowakei außerhalb der Rennstrecke beschrieben, und nach dem hat er immerhin seinen ersten Sohn benannt. Von anderen Freunden ganz zu schweigen. Selbst über seine Frau ist kaum mehr zu lesen, als daß sie ihn mit einer List gelockt habe.

          Täves Leben liest sich so, wie man das "Neue Deutschland" in Erinnerung hat: ungelenk, freudlos und von Minderwertigkeitskomplexen geplagt. Das aber kann nicht die Erinnerung des Mannes sein, der mit robustem Optimismus durch eine Welt geht, die sich in das anonyme Böse und Kumpels in kurzen Hosen scheidet. Dieses Buch ist bitter und böse, und das ist so ziemlich das letzte, was man über Täve sagen könnte. Seitenweise ergeht sich Schur, den es so nur in der Papierform gibt, in Treueschwüren auf die DDR, in Beschreibungen von Sportverbandskongressen, an denen er nie teilnahm, im Widerlegen absurder Behauptungen und in verstiegener politischer Rhetorik.

          "In Ungarn waren sowjetische Truppen einmarschiert, um dem Morden konterrevolutionärer Putschisten ein Ende zu bereiten", steht da etwa über das Olympiajahr 1956, in dem Schur sich in gesamtdeutschen Ausscheidungen für Melbourne qualifizierte. Der Text geht, in Klammern, so weiter: "Ich weiß, daß viele Historiker die Sache heute ganz anders darstellen, aber ich habe mir in jenen Jahren in Ungarn erzählen lassen, wie viel Kommunisten ermordet worden waren, ehe János Kádár die Sowjetunion um Hilfe bat." Klammer zu.

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